Ein Imam aus dem Haus des Propheten ﷺ
Zaid ibn Ali wuchs in Medina auf, im Haus seines Vaters Ali Zain al-Abidin, des Sohnes von Husain. Sein Bruder war Muhammad al-Baqir, sein Neffe Dscha'far as-Sadiq. Er gehörte also zu einer Familie, die von allen Muslimen geliebt wird und in der Wissen, Gebet und Quran zum Alltag gehörten. Die Überlieferung beschreibt ihn als einen Mann, der den Quran innig liebte und viel Zeit mit seinem Studium verbrachte, sodass man ihn auch Halif al-Quran nannte, „den mit dem Quran Verbundenen“.
Zaid lebte in einer Zeit, in der viele Menschen unter der Herrschaft der späten Umayyaden Ungerechtigkeit empfanden. Er war überzeugt, dass ein Gelehrter nicht schweigen darf, wenn Unrecht geschieht, und so erhob er sich in Kufa gegen den Statthalter. Nach den meisten Berichten verlor er dort im Jahr 122 nach der Hidschra (740 n. Chr.) sein Leben. Muslime unterschiedlicher Richtungen erinnern sich an ihn als an einen frommen Gelehrten aus der Familie des Propheten ﷺ, und manche historische Berichte erwähnen, dass auch angesehene Gelehrte seiner Zeit, darunter Abu Hanifa, möge Allah ihm barmherzig sein, Sympathie für sein Anliegen hatten.
Diejenigen, die seinem Weg folgten, wurden Zaidiyya genannt, die Zaiditen. Wichtig ist: Die Schule hat ihr Denken nicht allein auf Zaid gestützt, sondern auf viele Gelehrte aus der Nachkommenschaft von Hasan und Husain, die nach ihm lehrten.
Ein Werk, das ihm zugeschrieben wird
Die Zaiditen bewahren eine Sammlung, die als al-Madschmu' oder Musnad al-Imam Zaid bekannt ist. Sie wird Imam Zaid zugeschrieben und über seinen Schüler Abu Chalid al-Wasiti überliefert. Sie enthält Hadithe und Rechtsurteile, die meist über Zaids Vorfahren bis zu Ali ibn Abi Talib und zum Propheten ﷺ zurückgeführt werden. Sie gilt als eines der frühesten Rechtsbücher, die nach Kapiteln geordnet sind. Über die genaue Entstehungsgeschichte solcher frühen Werke diskutieren Forscher, wie bei vielen Texten aus dieser Zeit. Für die Zaiditen ist sie ein ehrwürdiges Zeugnis ihrer Anfänge.
Was die Zaiditen besonders macht
Die Zaiditen gehören zur schiitischen Tradition, denn sie sehen in Ali ibn Abi Talib den vorzüglichsten der Gefährten nach dem Propheten ﷺ und betonen die Führungsrolle der Familie des Propheten ﷺ. Doch in mehreren Punkten unterscheiden sie sich deutlich von den Zwölfer-Schiiten:
- Keine feste Zahl von Imamen: Die Zaiditen kennen keine Reihe von zwölf Imamen und keinen verborgenen Imam. Nach ihrer klassischen Lehre kann jeder Nachkomme von Hasan oder Husain Imam werden, der gelehrt, gerecht und fromm ist und für die Wahrheit eintritt.
- Wissen als Bedingung: Ein Imam soll nach dieser Lehre selbst ein Mudschtahid sein, also fähig, das Recht aus den Quellen zu erschließen. Deshalb waren viele zaiditische Imame zugleich bedeutende Gelehrte und Autoren.
- Die ersten Kalifen: Viele Zaiditen, besonders in der frühen Zeit, vertraten die Ansicht, dass die Führung durch Abu Bakr und Umar gültig war, auch wenn Ali der Vorzüglichere gewesen sei. Diese Lehre nennt man die Imamat al-mafdul, „die Führung dessen, der nicht der Vorzüglichste ist“. Sie zeigt eine Haltung des Respekts, die Brücken zu den Sunniten baut.
In der Glaubenslehre stehen die Zaiditen in vielen Fragen den Mu'taziliten nahe, besonders bei der Betonung der Einheit Allahs und Seiner Gerechtigkeit. Im praktischen Recht dagegen ähneln sie oft den sunnitischen Schulen, und Gelehrte haben häufig bemerkt, dass die zaiditische Rechtslehre in vielen Einzelfragen der hanafitischen nahe kommt.
Die Grundsätze des Glaubens
Zaiditische Gelehrte fassen ihren Glauben häufig in einigen Grundsätzen zusammen, die man in ihren Lehrbüchern immer wieder findet. Sie helfen zu verstehen, wie diese Tradition denkt:
- Tauhid, die Einheit Allahs: Allah ist einzig, Ihm gleicht nichts, und nichts in der Schöpfung teilt Seine Vollkommenheit.
- 'Adl, die Gerechtigkeit Allahs: Allah tut niemandem Unrecht. Der Mensch ist für seine Taten verantwortlich, weil Allah ihm die Fähigkeit gegeben hat, zu wählen.
- Verheißung und Androhung: Was Allah den Gläubigen versprochen und den Ungehorsamen angekündigt hat, ist wahr. Daraus folgt eine ernste Haltung gegenüber der eigenen Verantwortung.
- Das Gebieten des Rechten und das Verbieten des Verwerflichen: Für die Zaiditen ist dies eine Pflicht, die nicht nur den Einzelnen, sondern die ganze Gemeinschaft betrifft. Sie berufen sich auf Sure 3:104: „Und es soll aus euch eine Gemeinschaft werden, die zum Guten aufruft, das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet.“
- Die Imamat: die Lehre von der Führung der Gemeinschaft durch einen gelehrten und gerechten Nachkommen des Propheten ﷺ.
Ein Sunnit wird in diesen Punkten vieles wiedererkennen, das auch in seiner eigenen Tradition gelehrt wird, wenn auch mit anderer Gewichtung und in anderer Sprache. Gerade der Gedanke, dass Wissen Verantwortung bedeutet, zieht sich durch die ganze zaiditische Geschichte: Wer weiß, muss handeln, und wer handelt, muss wissen.
Die Methode: Quellen und Rechtsfindung
Die zaiditische Rechtstheorie (Usul al-Fiqh) kennt Quellen, die auch Sunniten vertraut sind:
- Der Quran als erste und höchste Quelle.
- Die Sunna des Propheten ﷺ. Die Zaiditen schätzen besonders die Überlieferungen, die über die Familie des Propheten ﷺ kommen, nutzen aber auch Hadithe aus anderen Überlieferungswegen.
- Der Konsens (Idschma'), wobei der Übereinstimmung der Gelehrten aus der Familie des Propheten ﷺ ein besonderes Gewicht zukommt.
- Der Analogieschluss (Qiyas), den die Zaiditen – anders als die Dscha'fari-Schule – als Quelle anerkennen.
- Der Verstand ('Aql) und Methoden wie die Abwägung des Gemeinwohls, die bei neuen Fragen helfen.
Ein Herzstück der zaiditischen Tradition ist die Wertschätzung des Idschtihad. Das selbstständige Nachdenken über die Quellen galt nie als abgeschlossen. Ein zaiditischer Gelehrter durfte, ja sollte zu eigenen Ergebnissen kommen, wenn er die Werkzeuge dafür beherrschte. Diese Offenheit ist ein Grund, warum aus dem Jemen so viele eigenständige Denker hervorgingen.
Wie die Schule sich ausbreitete
Am Kaspischen Meer
Ein früher Schwerpunkt der Zaiditen lag in den Regionen südlich des Kaspischen Meeres, in Tabaristan, Dailam und Gilan. Im dritten Jahrhundert nach der Hidschra wirkten dort Gelehrte und Herrscher aus der Familie des Propheten ﷺ. Besonders bekannt ist an-Nasir li-l-Haqq al-Hasan al-Utrusch, von dem berichtet wird, dass durch sein Wirken viele Menschen in diesen Gegenden den Islam annahmen. Diese zaiditischen Gemeinschaften bestehen heute nicht mehr in ihrer alten Form, doch ihre Gelehrsamkeit hat Spuren hinterlassen.
Im Jemen
Die dauerhafte Heimat der Zaiditen wurde der Jemen. Im Jahr 284 nach der Hidschra (897 n. Chr.) kam Imam al-Hadi ila l-Haqq Yahya ibn al-Husain nach Sa'da im Norden des Landes. Er war ein Enkel des großen Gelehrten al-Qasim ibn Ibrahim ar-Rassi und verband Frömmigkeit mit tiefer Kenntnis des Rechts. Seine Bücher, etwa Kitab al-Ahkam, wurden zur Grundlage der im Jemen verbreiteten Richtung, die nach ihm Hadawiyya heißt.
Über tausend Jahre lang lebten die Zaiditen in den Bergen und Städten des nördlichen Hochlands: in Sa'da, Sana'a, Dhamar und vielen Dörfern dazwischen. Sie bauten Moscheen, Schulen (Hidschar, Orte des Lernens) und Bibliotheken. Bis heute leben die meisten Zaiditen im Norden des Jemen, und viele Familien bewahren Handschriften, die über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben wurden.
Bedeutende Gelehrte
Die zaiditische Gelehrtentradition hat Werke hervorgebracht, die weit über den Jemen hinaus Bedeutung haben. Einige Namen:
- Imam Ahmad ibn Yahya al-Murtada (gest. 840 n. H.): Sein al-Bahr az-Zachchar ist eine große vergleichende Rechtsenzyklopädie, die die Ansichten vieler Schulen nebeneinanderstellt. Sein kurzer Rechtstext al-Azhar wurde zum Lehrbuch der Hadawiyya und vielfach kommentiert.
- Muhammad ibn Ibrahim al-Wazir (gest. 840 n. H.): Er verteidigte in seinem Werk al-'Awasim wa-l-Qawasim den Wert der Hadith-Wissenschaft und der großen Hadith-Sammlungen und rief zu Mäßigung und gegenseitigem Verständnis auf.
- Salih al-Maqbali (gest. 1108 n. H.), ein unabhängiger Denker, der sich für das direkte Studium von Quran und Sunna einsetzte.
- Muhammad ibn Isma'il al-Amir as-San'ani (gest. 1182 n. H.): Sein Subul as-Salam, ein Kommentar zu Ibn Hadschars Bulugh al-Maram, wird in sunnitischen Lehranstalten in vielen Ländern gelesen.
Imam asch-Schaukani
Einen besonderen Platz nimmt Muhammad ibn Ali asch-Schaukani ein, möge Allah ihm barmherzig sein (gest. 1250 n. H. / 1834 n. Chr.). Er wuchs im zaiditischen Gelehrtenmilieu von Sana'a auf, lernte dort bei zaiditischen Lehrern und wurde später oberster Richter der Stadt. Im Laufe seines Lebens entwickelte er eine eigene Haltung: Er rief dazu auf, das Recht unmittelbar aus Quran und Sunna zu erschließen, statt sich an eine einzelne Schule zu binden, und wurde deshalb über Schulgrenzen hinweg geschätzt. Seine Werke Nail al-Autar (ein Kommentar zu Hadithen über Rechtsfragen), Fath al-Qadir (eine Quran-Auslegung) und Irschad al-Fuhul (zur Rechtstheorie) gehören heute zu den meistgelesenen Büchern in der sunnitischen Welt.
Ob man asch-Schaukani eher als zaiditischen Gelehrten oder als unabhängigen Mudschtahid beschreibt, wird unterschiedlich gesehen. Unstrittig ist: Er ist ein Beispiel dafür, wie aus der zaiditischen Tradition mit ihrer Liebe zum Idschtihad Gelehrte hervorgehen konnten, die der ganzen Umma dienen.
Was einem im Alltag auffällt
Ein Sunnit, der in einer zaiditischen Moschee betet, wird sich weitgehend zu Hause fühlen. Einige Unterschiede fallen auf:
- Die Hände im Gebet hängen meist seitlich herab, wie bei vielen Malikiten.
- Im Gebetsruf wird nach „Hayya 'ala l-falah“ der Satz „Hayya 'ala chair al-'amal“ gesprochen, „Eilt zur besten Tat“.
- Bei der rituellen Waschung halten sich die Zaiditen in der klassischen hadawitischen Lehre an das Waschen der Füße und kennen das Bestreichen der Ledersocken (Mash 'ala l-Chuffain) nicht als Ersatz dafür.
Solche Unterschiede gibt es zwischen allen Schulen. Sie entstehen aus unterschiedlichen Überlieferungen und deren Gewichtung, nicht aus einem anderen Glauben.
Ein Beitrag zur islamischen Zivilisation
Die Zaiditen haben der Umma einen besonderen Schatz bewahrt: Handschriften. In den Bibliotheken des Jemen, etwa in den Sammlungen der Großen Moschee von Sana'a und in Privatbibliotheken von Gelehrtenfamilien, haben sich Werke erhalten, die anderswo verloren gingen. Dazu gehören wichtige Schriften der Mu'tazila, etwa große Teile des al-Mughni von Qadi Abd al-Dschabbar, die erst im 20. Jahrhundert in jemenitischen Handschriften wiederentdeckt wurden. Wer die Geschichte des islamischen Denkens erforscht, verdankt diesen Bibliotheken viel.
Dazu kommt die Kultur der Hidschar, kleiner Gelehrtensiedlungen, in denen Lehrer und Schüler gemeinsam lebten und lernten, oft abseits der großen Städte. So wurde Wissen über Jahrhunderte im ganzen Land weitergegeben.
Anerkennung und Einheit
Die Amman-Botschaft (2004, bestätigt 2005) nennt die zaiditische Schule ausdrücklich unter den acht anerkannten Rechtsschulen des Islam und verbietet, ihre Anhänger zu Ungläubigen zu erklären. Wegen ihrer Nähe zu den sunnitischen Schulen in vielen Fragen des Rechts und ihrer historischen Achtung vor den ersten Kalifen wird sie oft als eine Brücke zwischen den Traditionen beschrieben.
Zum Abschluss
Die zaiditische Schule erzählt eine Geschichte, die viele nicht kennen: eine Tradition aus dem Haus des Propheten ﷺ, die das Wissen über alles stellt, das Nachdenken nie für beendet erklärt hat und im Recht so nah bei ihren sunnitischen Geschwistern steht, dass man oft kaum einen Unterschied bemerkt. Wenn du das nächste Mal Subul as-Salam oder Nail al-Autar aufschlägst, denk daran, aus welcher Gelehrtenwelt diese Bücher kommen.
Allah sagt: „Und haltet alle fest am Seil Allahs und spaltet euch nicht“ Sure 3:103. Dieses Seil ist der Quran, den Zaid ibn Ali so sehr liebte. Es ist dasselbe Seil, an dem wir alle festhalten.
Häufige Fragen
Sind die Zaiditen Schiiten?
Ja, sie gehören zur schiitischen Tradition, weil sie Ali ibn Abi Talib als den vorzüglichsten der Gefährten ansehen und die Führungsrolle der Familie des Propheten ﷺ betonen. Sie kennen aber keine feste Reihe von zwölf Imamen und keinen verborgenen Imam, und im Recht stehen sie den Sunniten oft sehr nahe.
Wie stehen die Zaiditen zu Abu Bakr und Umar?
Viele Zaiditen, besonders in der frühen Zeit, hielten die Führung von Abu Bakr und Umar für gültig, auch wenn sie Ali für vorzüglicher hielten. Diese Lehre heißt Imamat al-mafdul.
Wo leben Zaiditen heute?
Vor allem im Norden des Jemen, der seit dem Ende des 9. Jahrhunderts ihre wichtigste Heimat ist. Früher gab es auch zaiditische Gemeinschaften südlich des Kaspischen Meeres.
War asch-Schaukani ein Zaidit?
Er wuchs im zaiditischen Gelehrtenmilieu von Sana'a auf und lernte bei zaiditischen Lehrern. Später rief er dazu auf, das Recht direkt aus Quran und Sunna zu erschließen, ohne sich an eine Schule zu binden. Seine Werke werden heute weit über Schulgrenzen hinweg gelesen.
Erkennen die Zaiditen den Analogieschluss an?
Ja. Anders als die Dscha'fari-Schule nutzen die Zaiditen den Qiyas als Quelle des Rechts, ähnlich wie die sunnitischen Schulen.
Quellen
- Quran 3:103, 3:104
- Musnad al-Imam Zaid (al-Madschmu'), überliefert von Abu Chalid al-Wasiti
- al-Hadi ila l-Haqq: Kitab al-Ahkam
- Ahmad ibn Yahya al-Murtada: al-Bahr az-Zachchar; al-Azhar
- Ibn al-Wazir: al-'Awasim wa-l-Qawasim; as-San'ani: Subul as-Salam
- asch-Schaukani: Nail al-Autar, Fath al-Qadir, Irschad al-Fuhul, al-Badr at-Tali'
- Die Amman-Botschaft (2004) und die Beschlüsse der Internationalen Islamischen Konferenz in Amman (2005)
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