Was uns verbindet
Bevor wir über Unterschiede sprechen, lohnt sich ein Blick auf das, was Sunniten und Schiiten gemeinsam haben. Und das ist weit mehr, als viele denken. Beide bezeugen, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muhammad ﷺ Sein Gesandter ist. Beide glauben, dass er der letzte Prophet ist und dass nach ihm keine neue Offenbarung kommt.
- Ein Allah: der Eine, Einzige, dem nichts gleicht.
- Ein Prophet ﷺ: Muhammad ﷺ, das Siegel der Propheten.
- Ein Quran: derselbe Text, dieselben 114 Suren, auswendig gelernt von Millionen auf beiden Seiten.
- Eine Qibla: alle beten in Richtung der Kaaba in Mekka.
- Dieselben Grundpflichten: das tägliche Gebet, das Fasten im Ramadan, die Zakat und die Pilgerfahrt (Hadsch) – Sunniten und Schiiten stehen gemeinsam auf dem Berg Arafat.
- Die Liebe zur Familie des Propheten ﷺ (Ahl al-Bait): In jedem Gebet sprechen Sunniten wie Schiiten Segenswünsche über Muhammad ﷺ und die Familie Muhammads ﷺ.
Wer einmal während der Pilgerzeit in Mekka war, hat es mit eigenen Augen gesehen: Millionen Menschen aus allen Traditionen umrunden gemeinsam die Kaaba, in denselben weißen Tüchern, mit denselben Worten auf den Lippen. Das ist das Bild, mit dem wir beginnen möchten.
Die Frage der Führung nach dem Propheten ﷺ
Als der Prophet ﷺ im Jahr 632 in Medina starb, stand die junge Gemeinschaft vor einer großen Frage: Wer soll die Muslime nun führen? Die Offenbarung war abgeschlossen, doch die Umma brauchte jemanden, der das Gemeinwesen leitet, Recht spricht und die Einheit bewahrt. An der Antwort auf diese Frage haben sich die beiden großen Traditionen entwickelt.
Die sunnitische Sicht
Die Sunniten, die sich Ahl as-Sunna wa-l-Dschama'a nennen – die Leute der Sunna und der Gemeinschaft –, sehen in den ersten vier Kalifen die rechtgeleiteten Kalifen (al-Chulafa ar-Raschidun), möge Allah mit ihnen zufrieden sein:
- Abu Bakr as-Siddiq (632–634), der engste Gefährte und Schwiegervater des Propheten ﷺ, der ihn auf der Hidschra begleitete.
- Umar ibn al-Chattab (634–644), bekannt für seine Gerechtigkeit und den Aufbau der Verwaltung.
- Uthman ibn Affan (644–656), unter dem der Quran in einem einheitlichen Mushaf zusammengestellt und verbreitet wurde.
- Ali ibn Abi Talib (656–661), Cousin und Schwiegersohn des Propheten ﷺ, Ehemann von Fatima az-Zahra, berühmt für sein Wissen und seine Tapferkeit.
Nach sunnitischem Verständnis wurde die Führung durch Beratung (Schura) und Treueid der Gemeinschaft bestimmt. Alle vier werden mit großer Liebe und Hochachtung erwähnt, und Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) hat in der sunnitischen Überlieferung einen ganz besonderen Rang.
Die schiitische Sicht
Der Name „Schiiten“ kommt von Schi'at Ali, „die Partei“ oder „die Anhänger Alis“. Nach schiitischem Verständnis hat der Prophet ﷺ Ali ibn Abi Talib als seinen Nachfolger bestimmt, und die Führung der Gemeinschaft sollte bei seinen Nachkommen aus der Linie Fatimas liegen. Diese Nachfolger heißen Imame. Sie gelten in der schiitischen Lehre nicht als Propheten, sondern als von Allah rechtgeleitete Führer und Hüter des Wissens, die die Botschaft bewahren und erklären.
Für die Zwölfer-Schiiten sind es zwölf Imame, beginnend mit Ali, gefolgt von seinen Söhnen Hasan und Husain und weiteren Nachkommen bis zum zwölften Imam, Muhammad al-Mahdi, von dem sie glauben, dass er in der Verborgenheit lebt und am Ende der Zeit wiederkommen wird.
Wir stellen beide Sichtweisen nebeneinander, ohne zu urteilen. Gelehrte beider Seiten haben diese Fragen über Jahrhunderte mit großer Ernsthaftigkeit behandelt. Für uns zählt: Beide Traditionen lieben den Propheten ﷺ und seine Familie, und beide sprechen ihre Gebete in Richtung derselben Kaaba.
Kerbela und Aschura
Im Jahr 61 nach der Hidschra (680 n. Chr.) wurde Husain ibn Ali, der Enkel des Propheten ﷺ, zusammen mit Mitgliedern seiner Familie und Gefährten bei Kerbela im heutigen Irak getötet. Es geschah am 10. Muharram, dem Tag Aschura. Für alle Muslime ist dies ein schmerzhaftes Ereignis: Der geliebte Enkel des Propheten ﷺ, über den dieser so viel Zärtliches gesagt hatte, verlor sein Leben.
Für Schiiten ist Kerbela ein zentrales Ereignis ihrer Geschichte und Frömmigkeit. In den ersten Tagen des Muharram gedenken sie in Versammlungen der Trauer des Opfers Husains. Sie erzählen seine Geschichte, rezitieren Trauergedichte und verbinden sie mit Werten wie Standhaftigkeit, Opferbereitschaft und dem Einsatz für Gerechtigkeit.
Auch Sunniten ehren den Tag Aschura, auf ihre eigene Weise: Viele fasten an diesem Tag. Der Grund liegt in einer Überlieferung bei al-Buchari und Muslim: Als der Prophet ﷺ nach Medina kam, erfuhr er, dass an diesem Tag gefastet wurde, weil Allah Musa (Friede sei mit ihm) und sein Volk errettet hatte. Er sagte, die Muslime stünden Musa näher, fastete selbst und empfahl das Fasten. So hat der 10. Muharram für Muslime mehrere Bedeutungen, und jede verdient Respekt.
Die sunnitischen Rechts- und Glaubensschulen
Im sunnitischen Islam haben sich vier große Rechtsschulen (Madhahib) erhalten. Sie sind keine Konfessionen, sondern Methoden, aus Quran und Sunna praktische Regeln abzuleiten:
- Hanafitisch, nach Abu Hanifa – verbreitet unter anderem in der Türkei, in Zentralasien und auf dem indischen Subkontinent.
- Malikitisch, nach Malik ibn Anas – verbreitet in Nord- und Westafrika und traditionell auch bei uns am Golf.
- Schafiitisch, nach Muhammad ibn Idris asch-Schafi'i – verbreitet in Ostafrika, im Jemen und in Südostasien.
- Hanbalitisch, nach Ahmad ibn Hanbal – verbreitet vor allem auf der Arabischen Halbinsel.
Die Gründer dieser Schulen haben voneinander gelernt und einander geachtet. In Glaubensfragen gibt es außerdem die aschʿaritische, die maturiditische und die athari-Tradition. Auch hier gilt: Unterschiede in der Methode haben die Gelehrten nie daran gehindert, einander als Brüder im Glauben zu sehen.
Die schiitischen Richtungen
Auch innerhalb des schiitischen Islam gibt es verschiedene Richtungen:
- Zwölfer-Schiiten (Dscha'fariten): die mit Abstand größte schiitische Gruppe. Ihre Rechtsschule heißt nach dem sechsten Imam, Dscha'far as-Sadiq, die dscha'faritische Schule. Interessant ist, dass auch Abu Hanifa und Malik ibn Anas bei Dscha'far as-Sadiq Wissen erworben haben sollen.
- Zaiditen: benannt nach Zaid ibn Ali, einem Enkel Husains. Sie leben vor allem im Jemen und stehen in vielen Rechtsfragen den Sunniten nahe.
- Ismailiten: benannt nach Isma'il, einem Sohn Dscha'far as-Sadiqs. Sie leben heute in kleineren Gemeinschaften in vielen Ländern, etwa in Südasien, Zentralasien, Ostafrika und in der Diaspora.
Wo leben Sunniten und Schiiten?
Sunniten bilden weltweit die große Mehrheit der Muslime – von Marokko bis Indonesien, von der Türkei bis Westafrika. Schiiten sind eine bedeutende Minderheit. In Iran, im Irak, in Aserbaidschan und in Bahrain stellen sie die Mehrheit der Bevölkerung, und große schiitische Gemeinschaften leben unter anderem im Libanon, in Pakistan, Indien, Afghanistan, in den Golfstaaten und in Europa. In vielen Städten der Welt leben beide Traditionen seit Generationen Tür an Tür.
Unterschiede in der Gebetspraxis
Wer zum ersten Mal Sunniten und Schiiten nebeneinander beten sieht, bemerkt vielleicht kleine Unterschiede. Sie beruhen auf unterschiedlichen Überlieferungen und deren Auslegung – nicht auf einem anderen Glauben. Die wichtigsten, sachlich erklärt:
- Gebetsruf (Adhan): Schiiten fügen den Satz Hayya ʿala chair al-ʿamal („Kommt zum besten Werk“) hinzu, und viele sprechen zusätzlich ein Zeugnis über Ali als Freund Allahs. Sunniten fügen im Morgengebet as-salatu chairun min an-naum („Das Gebet ist besser als der Schlaf“) hinzu.
- Gebetswaschung (Wudu): Sunniten waschen die Füße, Schiiten bestreichen sie mit feuchten Händen. Beide berufen sich auf Sure 5, Vers 6.
- Haltung der Hände: Die meisten Sunniten legen im Stehen die rechte Hand über die linke; Malikiten lassen die Arme oft seitlich hängen, ebenso die Schiiten.
- Zusammenlegen von Gebeten: Schiiten verbinden häufig Mittags- und Nachmittagsgebet sowie Abend- und Nachtgebet und beten so zu drei Zeiten am Tag – weiterhin fünf Gebete. Sunniten beten in der Regel zu fünf getrennten Zeiten und legen Gebete vor allem auf Reisen oder aus besonderen Gründen zusammen.
- Niederwerfung auf Erde (Turba): Schiiten werfen sich auf natürlichem Material wie Erde, Stein oder Pflanzen nieder und verwenden dafür oft ein kleines Täfelchen aus gebranntem Lehm. Sunniten beten auch auf Teppichen.
Ausführliche Anleitungen findest du bei uns: Das Gebet nach sunnitischer Praxis und Das Gebet nach schiitischer Praxis.
Die Amman-Botschaft
Ein bedeutender Meilenstein der Verständigung ist die Amman-Botschaft. Sie wurde 2004 in Jordanien veröffentlicht und 2005 auf einer internationalen Konferenz von rund zweihundert Gelehrten aus vielen Ländern bestätigt; später schlossen sich zahlreiche weitere Gelehrte und Institutionen an. Ihre Kernpunkte:
- Sie erkennt acht Rechtsschulen als gültig an: die hanafitische, malikitische, schafiitische und hanbalitische, die dscha'faritische und die zaiditische, dazu die ibaditische und die zahiritische.
- Wer einer dieser Schulen folgt, ist Muslim; es ist verboten, ihn zum Ungläubigen zu erklären (Takfir).
- Fatwas dürfen nur von qualifizierten Gelehrten nach den anerkannten Methoden der Schulen erteilt werden.
Damit haben die Gelehrten der Umma gemeinsam ausgesprochen, was viele Muslime im Alltag längst leben: Wir gehören zusammen.
Miteinander in den Emiraten
Bei uns in den Emiraten leben Sunniten und Schiiten als Nachbarn, Kollegen, Freunde und oft auch als Verwandte zusammen. Es gibt sunnitische und schiitische Moscheen, Emiratis beider Traditionen dienen gemeinsam ihrem Land, und Menschen aus aller Welt bringen ihre Traditionen mit. Das Gesetz gegen Diskriminierung und Hass schützt seit 2015 alle Religionen und Glaubensrichtungen vor Herabsetzung und Hetze.
Dieses Miteinander ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Haltung, die Scheich Zayed, möge Allah ihm barmherzig sein, dem Land mitgegeben hat: Respekt, Gastfreundschaft und die Überzeugung, dass Vielfalt eine Stärke ist. Im Alltag heißt das: Man fastet zusammen, bricht das Fasten am selben Tisch, gratuliert einander zum Fest und betet für dieselbe Heimat.
Einheit und respektvoller Dialog
Allah sagt im Quran: „Und haltet alle fest am Seil Allahs und spaltet euch nicht“ 3:103. Und: „Die Gläubigen sind doch Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren Brüdern“ 49:10. Diese Verse sind keine Aufforderung, Unterschiede zu leugnen, sondern sie mit Würde zu tragen.
Respektvoller Dialog bedeutet:
- über die eigene Tradition mit Liebe zu sprechen, ohne andere herabzusetzen;
- die Gefährten des Propheten ﷺ und seine Familie stets mit Ehrfurcht zu erwähnen;
- Fragen an qualifizierte Gelehrte zu richten statt an Streit in sozialen Netzwerken;
- das Gemeinsame zu stärken: das Gebet, den Quran, gute Taten und den Dienst an den Menschen.
Bei Quran Masterclass hören Sunniten und Schiiten dieselben Verse, in derselben Rezitation. Das ist vielleicht die schönste Antwort auf die Frage, was uns verbindet: das Wort Allahs, das wir gemeinsam lernen.
Häufige Fragen
Haben Sunniten und Schiiten einen anderen Quran?
Nein. Beide lesen denselben Quran mit denselben 114 Suren. Unterschiede gibt es in der Auslegung einzelner Stellen und in den Hadith-Sammlungen, auf die sich die Traditionen stützen, nicht im Text des Quran.
Worin liegt der Ursprung der Unterscheidung?
In der Frage, wer die Gemeinschaft nach dem Tod des Propheten ﷺ im Jahr 632 führen sollte. Sunniten sehen die vier rechtgeleiteten Kalifen in ihrer Reihenfolge, Schiiten sehen Ali ibn Abi Talib und die Imame aus seiner Nachkommenschaft als rechtmäßige Führer.
Warum fasten Sunniten an Aschura, während Schiiten trauern?
Sunniten fasten nach der Sunna, weil Allah an diesem Tag Musa (Friede sei mit ihm) errettete (al-Buchari, Muslim). Schiiten gedenken an diesem Tag besonders des Martyriums Husains bei Kerbela im Jahr 61 n. H. Beide Bedeutungen verdienen Respekt.
Darf ein Sunnit hinter einem Schiiten beten und umgekehrt?
Viele Gelehrte beider Seiten erlauben das, und in Mekka und Medina beten Muslime aller Traditionen gemeinsam. Für Einzelheiten deiner Rechtsschule frage am besten einen Gelehrten, dem du vertraust.
Was ist die Amman-Botschaft?
Eine Erklärung von 2004, bestätigt 2005 von Gelehrten aus vielen Ländern. Sie erkennt acht Rechtsschulen an, darunter die dscha'faritische und die zaiditische, und verbietet, Anhänger dieser Schulen zu Ungläubigen zu erklären.
Quellen
- Quran 3:103, 5:6, 49:10
- Sahih al-Buchari und Sahih Muslim: Hadith über das Fasten an Aschura wegen der Errettung Musas
- Die Amman-Botschaft (2004) und die Beschlüsse der Internationalen Islamischen Konferenz in Amman (2005)
- Klassische Werke zur Geschichte der frühen Kalifen und der Imame
- VAE: Gesetz zur Bekämpfung von Diskriminierung und Hass (2015)
Diese Seiten geben einen Überblick. Für religiöse Fragen deines Alltags wende dich an einen qualifizierten Gelehrten deiner Rechtsschule.