Was bedeutet Iman?
Das arabische Wort Iman stammt von der Wurzel a-m-n, aus der auch amn (Sicherheit) und amana (anvertrautes Gut) kommen. Glauben heißt in diesem Sinn: sich bei Allah sicher wissen, Ihm vertrauen und selbst vertrauenswürdig werden. Einer der schönen Namen Allahs ist al-Mu'min 59:23, der Sicherheit schenkt. Und der Prophet ﷺ beschrieb den Gläubigen als den, dem die Menschen ihr Leben und ihr Gut anvertrauen können (at-Tirmidhi, an-Nasa'i). Glaube ist also nicht nur eine Überzeugung im Kopf. Er verändert, wie du mit anderen umgehst.
Die Gelehrten beschreiben den Iman meist auf drei Ebenen: die Bestätigung mit dem Herzen, das Bekenntnis mit der Zunge und das Handeln mit den Gliedern. Das Herz ist der Ort des Glaubens, die Worte machen ihn hörbar, und die Taten sind seine Früchte. Gleich zu Beginn beschreibt der Koran die Gottesfürchtigen als diejenigen, „die an das Verborgene glauben, das Gebet verrichten und von dem ausgeben, womit Wir sie versorgt haben“ 2:3. Glaube, Gebet und Großzügigkeit stehen in einem Atemzug.
Der Hadith des Dschibril
Die bekannteste Zusammenfassung des Glaubens stammt aus einer Begebenheit, die der Gefährte Umar ibn al-Khattab erzählt und die Imam Muslim in seinem Sahih überliefert (Muslim 8; in ähnlicher Form auch al-Bukhari 50, überliefert von Abu Huraira).
Eines Tages saßen die Gefährten beim Propheten ﷺ, als ein Mann zu ihnen trat: strahlend weiße Kleidung, tiefschwarzes Haar, keine Spur einer Reise an ihm – und doch kannte ihn keiner von ihnen. Er setzte sich dem Propheten ﷺ gegenüber, Knie an Knie, und fragte: „O Muhammad, berichte mir vom Islam.“ Der Prophet ﷺ nannte die fünf Säulen. „Du hast die Wahrheit gesagt“, antwortete der Mann, und die Gefährten wunderten sich, dass er fragte und dann bestätigte. Dann fragte er nach dem Iman. Der Prophet ﷺ sagte: „Dass du an Allah glaubst, an Seine Engel, Seine Bücher, Seine Gesandten und den Jüngsten Tag, und dass du an die Vorherbestimmung glaubst, an ihr Gutes und ihr Schweres.“ Danach fragte er nach dem Ihsan: „Dass du Allah dienst, als ob du Ihn sähest; und wenn du Ihn auch nicht siehst, so sieht Er dich.“ Schließlich fragte er nach der Stunde, dem Ende der Welt, und der Prophet ﷺ antwortete: „Der Gefragte weiß darüber nicht mehr als der Fragende.“
Als der Mann gegangen war, sagte der Prophet ﷺ: „Umar, weißt du, wer der Fragende war?“ Und dann: „Das war Dschibril. Er kam zu euch, um euch eure Religion zu lehren.“
In diesem Hadith stecken drei Stufen, die aufeinander aufbauen:
- Islam – die sichtbare Hingabe: Bekenntnis, Gebet, Fasten, Zakat und Pilgerfahrt. Mehr dazu im Kapitel Was ist der Islam?
- Iman – der Glaube im Herzen mit seinen sechs Inhalten, um die es in diesem Kapitel geht.
- Ihsan – die Vollendung: Allah so zu dienen, als würdest du Ihn sehen.
Der Koran selbst nennt die Inhalte des Glaubens mehrmals. „Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herabgesandt worden ist, und ebenso die Gläubigen. Alle glauben an Allah, Seine Engel, Seine Bücher und Seine Gesandten. Wir machen keinen Unterschied zwischen einem Seiner Gesandten“ 2:285. Und: „O ihr, die ihr glaubt, glaubt an Allah und Seinen Gesandten und an das Buch, das Er Seinem Gesandten herabgesandt hat, und an das Buch, das Er zuvor herabgesandt hat. Wer nicht an Allah glaubt, an Seine Engel, Seine Bücher, Seine Gesandten und den Jüngsten Tag, der ist weit in die Irre gegangen“ 4:136. Auch der große Vers über die wahre Frömmigkeit 2:177 beginnt mit dem Glauben an Allah, den Jüngsten Tag, die Engel, die Schrift und die Propheten – und führt dann ohne Umweg zur Großzügigkeit gegenüber Verwandten, Waisen, Bedürftigen und Reisenden.
Erste Säule: Der Glaube an Allah
Alles beginnt mit Allah. An Ihn zu glauben bedeutet: Er existiert; Er allein hat die Welt erschaffen und erhält sie; Er allein verdient es, angebetet zu werden; und Ihm gehören die schönsten Namen und vollkommenen Eigenschaften. Die Sure al-Ikhlas fasst es in vier kurzen Versen zusammen: „Sag: Er ist Allah, ein Einziger, Allah, der Absolute. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden, und niemand ist Ihm gleich“ 112:1–4. An anderer Stelle heißt es: „Nichts ist Ihm gleich, und Er ist der Allhörende, der Allsehende“ 42:11.
Dieser Glaube ist dem Menschen nicht fremd. Der Koran spricht von der Fitra, der natürlichen Veranlagung, in der Allah die Menschen erschaffen hat 30:30, und der Prophet ﷺ sagte, dass jedes Kind in dieser Fitra geboren wird (al-Bukhari, Muslim). Zum Glauben zu finden ist in diesem Sinn ein Heimkommen.
Allah ist erhaben über alles, und doch ist Er nah. „Wenn dich Meine Diener nach Mir fragen, so bin Ich nahe. Ich erhöre den Ruf des Bittenden, wenn er Mich ruft“ 2:186. „Wir sind ihm näher als seine Halsschlagader“ 50:16. „Er ist mit euch, wo immer ihr seid“ 57:4. Aus diesem Glauben wachsen Vertrauen (Tawakkul), Hoffnung und Liebe. Wer an Allah glaubt, muss nicht alles allein tragen.
Die Namen Allahs – der Allerbarmer, der Vergebende, der Gerechte, der Liebevolle – sind wie Fenster, durch die wir Ihn ein wenig kennenlernen; mehr darüber im Kapitel Die schönsten Namen Allahs. Und der gewaltigste Vers des Korans, der Thronvers 2:255; Muslim, spricht ganz von Ihm: dem Lebendigen, dem Beständigen, den weder Schlummer noch Schlaf überkommt.
Zweite Säule: Der Glaube an die Engel
Die Engel gehören zur Welt des Verborgenen (al-Ghaib), die wir nicht sehen, an die wir aber glauben, weil Allah uns von ihr berichtet hat. Der Prophet ﷺ sagte, dass die Engel aus Licht erschaffen wurden (Muslim). Sie kennen keinen Ungehorsam: „Sie widersetzen sich Allah nicht in dem, was Er ihnen befiehlt, und tun, was ihnen befohlen wird“ 66:6. „Sie preisen Ihn Tag und Nacht und lassen nicht nach“ 21:20. Allah hat sie zu Boten gemacht, „mit Flügeln, zwei, drei und vier“ 35:1.
Einige Engel kennen wir mit Namen oder Aufgabe:
- Dschibril (Gabriel), „der vertrauenswürdige Geist“, der den Koran auf das Herz des Propheten ﷺ herabbrachte (26:193–194; 2:97).
- Mika'il (Michael), der zusammen mit Dschibril im Koran genannt wird 2:98.
- Der Engel des Todes, „der mit euch betraut ist“ 32:11. In der Tradition wird er oft Azra'il genannt; dieser Name steht nicht im Koran.
- Israfil, der nach der Überlieferung in das Horn blasen wird, wenn die Stunde kommt vgl. 39:68.
- Die edlen Schreiber: „Über euch sind Hüter eingesetzt, edle, die aufschreiben; sie wissen, was ihr tut“ (82:10–12; vgl. 50:17–18).
- Die Schutzengel, die den Menschen von vorn und von hinten auf Allahs Geheiß behüten 13:11.
Der Glaube an die Engel ist zutiefst tröstlich. Allah selbst segnet die Gläubigen, und Seine Engel tun es auch, um sie aus den Finsternissen ins Licht zu führen 33:43. Zu denen, die sagen „Unser Herr ist Allah“ und dann standhaft bleiben, kommen die Engel herab: „Fürchtet euch nicht und seid nicht traurig“ 41:30. Und der Prophet ﷺ sagte, dass Menschen, die sich in einem Haus Allahs versammeln, um den Koran zu lesen und miteinander zu studieren, von Ruhe erfüllt, von Barmherzigkeit bedeckt und von Engeln umgeben werden (Muslim). Wenn du mit anderen den Koran lernst, bist du nie allein.
Von den Engeln zu unterscheiden sind die Dschinn, die Allah „aus einer rauchlosen Feuerflamme“ erschuf 55:15 und die wie die Menschen einen freien Willen haben. Iblis, der sich weigerte, sich vor Adam niederzuwerfen, „gehörte zu den Dschinn“ 18:50; nach Auffassung der meisten Gelehrten war er also kein Engel.
Dritte Säule: Der Glaube an die Bücher
Allah hat die Menschen nie ohne Rechtleitung gelassen. Zu verschiedenen Zeiten sandte Er Schriften herab, und Muslime glauben an sie alle in ihrer ursprünglichen, offenbarten Form. Der Koran nennt:
- die Blätter (Suhuf) Ibrahims und Musas 87:18–19,
- die Tora, die Musa gegeben wurde,
- die Psalmen (Zabur), die Dawud gegeben wurden 4:163,
- das Evangelium (Indschil), das Isa gegeben wurde, „mit Rechtleitung und Licht darin“ 5:46,
- und den Koran, die letzte Offenbarung, herabgesandt auf Muhammad ﷺ.
Er hat dir das Buch mit der Wahrheit herabgesandt, als Bestätigung dessen, was vor ihm war, und Er hat die Tora und das Evangelium herabgesandt
Der Koran beschreibt sich als Bestätigung und zugleich als Hüter (muhaimin) über die früheren Schriften 5:48. Darum begegnen Muslime Juden und Christen als Ahl al-Kitab, als Leuten der Schrift, mit denen sie eine lange gemeinsame Geschichte verbindet. Zugleich glauben sie, dass der Koran unverändert bewahrt bleibt, so wie Allah es zugesagt hat: „Wir haben die Ermahnung herabgesandt, und Wir werden sie gewiss bewahren“ 15:9.
Der Glaube an die Bücher ist kein Wissen, das man nur abhakt. Er bedeutet, den Koran ernst zu nehmen: ihn zu lesen, zu hören, zu verstehen und nach ihm zu leben. Genau dafür ist diese Plattform da. In unserem Koran-Bereich kannst du jeden Vers hören und lesen, und im Kapitel Der Koran erfährst du mehr über seine Offenbarung und Bewahrung.
Vierte Säule: Der Glaube an die Gesandten
Wir haben in jede Gemeinschaft einen Gesandten geschickt: Dient Allah
Allah hat zu allen Völkern Propheten gesandt, und nicht alle werden im Koran genannt: „Von manchen Gesandten haben Wir dir schon berichtet, von anderen haben Wir dir nicht berichtet“ 4:164. Fünfundzwanzig nennt der Koran mit Namen, von Adam über Nuh, Ibrahim, Musa und Isa bis zu Muhammad ﷺ; ihre Geschichten erzählt das Kapitel Die Propheten im Koran.
Die Gelehrten unterscheiden oft zwischen dem Nabi (Prophet), der Offenbarung empfängt, und dem Rasul (Gesandten), der mit einer Botschaft zu einem Volk geschickt wird; jeder Gesandte ist auch ein Prophet. Alle Propheten waren Menschen, und sie lebten vor, was sie verkündeten. Muslime machen „keinen Unterschied zwischen einem Seiner Gesandten“ 2:285: Wer an Muhammad ﷺ glaubt, glaubt auch an Musa und Isa, Friede sei mit ihnen. Darum sprechen Muslime nach dem Namen jedes Propheten den Friedensgruß.
Muhammad ﷺ ist „der Gesandte Allahs und das Siegel der Propheten“ 33:40; nach ihm kommt kein Prophet mehr. Allah sandte ihn „als Barmherzigkeit für die Welten“ 21:107. An ihn zu glauben heißt, ihn zu lieben, ihm zu folgen und seine Sunna kennenzulernen. Sein Leben erzählt das Kapitel Der Prophet Muhammad ﷺ.
Fünfte Säule: Der Glaube an den Jüngsten Tag
Jede Seele wird den Tod kosten“ 3:185. Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein Übergang. Nach ihm beginnt das Barzach, eine Zwischenwelt „bis zu dem Tag, an dem sie auferweckt werden
Dann folgt die Auferstehung. Als jemand spöttisch fragte, wer denn morsche Knochen wieder lebendig machen könne, antwortete der Koran: „Sag: Lebendig machen wird sie Der, Der sie das erste Mal hat entstehen lassen“ 36:78–79.
Am Tag des Gerichts wird nichts übersehen: „Wir stellen die gerechten Waagen auf für den Tag der Auferstehung, so dass keiner Seele im Geringsten Unrecht zugefügt wird“ 21:47. „Wer auch nur das Gewicht eines Stäubchens an Gutem tut, wird es sehen, und wer auch nur das Gewicht eines Stäubchens an Bösem tut, wird es sehen“ 99:7–8. Kein Lächeln, keine heimlich gegebene Spende und keine Träne sind vergeblich gewesen.
Über allem steht die Barmherzigkeit: „Sag: O Meine Diener, die ihr gegen euch selbst maßlos gewesen seid, verliert nicht die Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit. Allah vergibt alle Sünden“ 39:53. Vom Paradies sagt der Koran: „Keine Seele weiß, welche Augenweide für sie verborgen gehalten wird“ 32:17. In einem Hadith Qudsi heißt es, Allah habe für Seine rechtschaffenen Diener bereitet, „was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und kein menschliches Herz sich je vorgestellt hat“ (al-Bukhari, Muslim).
Der Glaube an den Jüngsten Tag ist kein Glaube der Angst, sondern der Verantwortung. Der Prophet ﷺ verband ihn mit dem Alltag: „Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, soll Gutes sprechen oder schweigen. Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, soll seinen Nachbarn ehren. Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, soll seinen Gast ehren“ (al-Bukhari, Muslim). Wann die Stunde kommt, weiß allein Allah – im Hadith des Dschibril sagte der Prophet ﷺ: „Der Gefragte weiß darüber nicht mehr als der Fragende.“
Sechste Säule: Der Glaube an die Vorherbestimmung
Wir haben alles nach einem Maß erschaffen
Der Glaube an den Qadar bedeutet, dass nichts in der Welt außerhalb von Allahs Wissen und Willen geschieht. Viele sunnitische Gelehrte erklären ihn in vier Stufen:
- Wissen ('Ilm): Allah weiß alles, was war, ist und sein wird.
- Aufzeichnung (Kitaba): Es ist in einem Buch festgehalten 57:22.
- Wille (Maschi'a): Nichts geschieht, ohne dass Allah es will.
- Erschaffung (Khalq): Allah ist der Schöpfer aller Dinge.
Bedeutet das, dass der Mensch keine Wahl hat? Nein. Der Koran betont ebenso deutlich die Verantwortung des Menschen: „Wir haben ihm den Weg gezeigt, ob er nun dankbar ist oder undankbar“ 76:3. „Erfolgreich ist, wer sie (die Seele) läutert, und enttäuscht ist, wer sie verkommen lässt“ 91:9–10. „Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu tragen vermag“ 2:286, und „Allah ändert den Zustand eines Volkes nicht, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist“ 13:11. Du triffst deine Entscheidungen wirklich, und du wirst für sie zur Rechenschaft gezogen.
Wie sich Allahs allumfassender Wille und die Wahl des Menschen zueinander verhalten, haben die Theologen verschiedener Schulen unterschiedlich erklärt. Sunnitische Gelehrte der asch'aritischen und maturiditischen Schule sprechen vom „Erwerb“ (Kasb) der Taten durch den Menschen. In der schiitischen Überlieferung ist ein Wort von Imam Dscha'far as-Sadiq berühmt: „Weder Zwang noch völlige Überlassung, sondern etwas zwischen beidem“ (al-Kulaini, al-Kafi). In den Kernpunkten sind sich alle einig: Allah ist gerecht, nichts entgeht Seinem Wissen, und der Mensch trägt Verantwortung für sein Tun.
Im Leben schenkt der Glaube an den Qadar vor allem Ruhe. Der Koran sagt, dass jedes Unglück verzeichnet ist, „damit ihr nicht betrübt seid über das, was euch entgangen ist, und nicht übermütig über das, was Er euch gegeben hat“ 57:23. Der Prophet ﷺ sagte: „Wie wunderbar ist die Sache des Gläubigen! Alles ist gut für ihn. Trifft ihn Freude, ist er dankbar, und das ist gut für ihn. Trifft ihn Leid, ist er geduldig, und das ist gut für ihn“ (Muslim). Und er lehrte den jungen Ibn Abbas: Wenn sich die ganze Gemeinschaft versammelte, um dir zu nützen, könnte sie dir nur mit dem nützen, was Allah für dich bereits bestimmt hat (at-Tirmidhi).
Qadar ist keine Ausrede für Untätigkeit. Als ein Mann fragte, ob er sein Kamel anbinden oder auf Allah vertrauen solle, sagte der Prophet ﷺ: „Binde es an und vertraue auf Allah“ (at-Tirmidhi). Wir tun unser Bestes – und überlassen das Ergebnis Allah.
Wie der Glaube wächst und abnimmt
Der Iman ist kein fester Besitz, sondern lebendig wie eine Pflanze. Über die Gläubigen sagt der Koran: „Wenn ihnen Seine Verse verlesen werden, mehren sie ihren Glauben“ 8:2. Allah sandte Ruhe in die Herzen der Gläubigen, „damit sie an Glauben zu ihrem Glauben hinzugewinnen“ (48:4; vgl. 3:173 und 74:31). Darum sagten viele Gelehrte: Der Glaube nimmt durch Gehorsam zu und durch Ungehorsam ab. Imam Abu Hanifa und die maturiditische Schule betonten, dass die innere Bestätigung selbst unteilbar ist, während ihre Stärke, ihr Licht und ihre Früchte sehr wohl wachsen und schwinden; viele Gelehrte sehen darin eher einen Unterschied der Begriffe als der Sache.
Der Prophet ﷺ sagte: „Der Glaube hat über siebzig – oder über sechzig – Zweige. Der höchste ist das Wort ‚Es gibt keinen Gott außer Allah‘, der niedrigste ist, etwas Schädliches vom Weg zu räumen, und die Schamhaftigkeit ist ein Zweig des Glaubens“ (al-Bukhari, Muslim). Glaube zeigt sich also im Großen wie im Kleinen, bis hin zu dem Stein, den du vom Gehweg räumst.
Auch die Gefährten kannten Schwankungen. Hanzala, einer von ihnen, fürchtete, ein Heuchler zu sein: Beim Propheten ﷺ fühle er sich, als sähe er Paradies und Hölle vor Augen, doch zu Hause, bei Frau, Kindern und Arbeit, vergesse er vieles davon. Der Prophet ﷺ antwortete: Würdet ihr immer in dem Zustand bleiben, in dem ihr bei mir seid, dann würden euch die Engel auf euren Wegen die Hand reichen – „aber, Hanzala, eine Stunde so und eine Stunde so“ (Muslim). Schwankungen sind menschlich. Wichtig ist, immer wieder zurückzukehren.
Was den Glauben stärkt:
- Der Koran: jeden Tag ein wenig lesen oder hören und über die Bedeutung nachdenken.
- Das Gedenken Allahs (Dhikr): „Wahrlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe“ 13:28.
- Das Gebet, pünktlich und mit gegenwärtigem Herzen.
- Nachdenken über die Schöpfung: Der Koran lobt jene, die über die Erschaffung der Himmel und der Erde nachsinnen 3:190–191.
- Gute Gesellschaft: Menschen, die dich an Allah erinnern.
- Dienst an anderen: Wer anderen hilft, spürt den Glauben in seinen Händen.
- Wissen: Je mehr du über Allah, Seinen Gesandten und den Koran weißt, desto tiefer wird die Liebe.
- Bittgebet: Der Prophet ﷺ betete oft: „O Du, der die Herzen wendet, festige mein Herz in Deiner Religion“ (at-Tirmidhi).
Was den Glauben schwächt, sind Nachlässigkeit, Sünden und ein Leben ohne Innehalten. Doch die Tür der Umkehr steht immer offen: „Alle Kinder Adams machen Fehler, und die besten unter denen, die Fehler machen, sind die, die umkehren“ (at-Tirmidhi).
Die Süße des Glaubens
Der Prophet ﷺ sprach von einer Süße des Glaubens, die man schmecken kann: „Drei Dinge – wer sie in sich trägt, findet die Süße des Glaubens: dass Allah und Sein Gesandter ihm lieber sind als alles andere; dass er einen Menschen nur um Allahs willen liebt; und dass er es verabscheut, zum Unglauben zurückzukehren, so wie er es verabscheuen würde, ins Feuer geworfen zu werden“ (al-Bukhari, Muslim).
Und er verband den Glauben untrennbar mit den Mitmenschen: „Keiner von euch glaubt wirklich, bis er für seinen Bruder liebt, was er für sich selbst liebt“ (al-Bukhari, Muslim). Glaube macht weich, großzügig und ehrlich. Wenn dein Glaube wächst, sollten die Menschen um dich herum es spüren.
Die schiitische Darstellung: Usul ad-Din
Schiitische Muslime glauben an dieselben Inhalte: an Allah, Seine Engel, Seine Bücher, Seine Gesandten, den Jüngsten Tag und Allahs Bestimmung. In der schiitischen Theologie werden die Grundlagen des Glaubens jedoch meist anders geordnet, nämlich als fünf Usul ad-Din, „Wurzeln der Religion“:
- Tauhid – die Einheit Allahs, der keinen Teilhaber hat.
- 'Adl – die Gerechtigkeit Allahs: Allah tut kein Unrecht, „nicht einmal im Gewicht eines Stäubchens“ 4:40, und Er gebietet Gerechtigkeit 16:90. Daraus folgt, dass der Mensch für seine Taten verantwortlich ist und gerecht vergolten wird.
- Nubuwwa – das Prophetentum: Allah hat Propheten gesandt, von Adam bis zu Muhammad ﷺ, dem Siegel der Propheten. Der Glaube an die Offenbarungsschriften und an die Engel, die sie überbringen, ist darin eingeschlossen.
- Imama – die Führung nach dem Propheten ﷺ durch die zwölf Imame aus seiner Familie, beginnend mit Imam Ali. Sie gelten als Bewahrer und Erklärer der Botschaft, nicht als Propheten.
- Ma'ad – die Rückkehr zu Allah: Auferstehung, Gericht, Paradies und Hölle.
Viele schiitische Gelehrte bezeichnen Tauhid, Nubuwwa und Ma'ad als die Grundlagen des Islam, die alle Muslime teilen, während 'Adl und Imama die besonderen Grundlagen der schiitischen Schule bilden. Die praktischen Pflichten wie Gebet, Fasten, Zakat, Khums und Pilgerfahrt heißen dort Furu' ad-Din, „Zweige der Religion“. Ein schöner Gedanke dieser Tradition: Die Wurzeln des Glaubens soll jeder Mensch aus eigener Überzeugung annehmen, nicht bloß, weil andere es so sagen.
Hinter den unterschiedlichen Gliederungen steht ein gemeinsamer Glaube. Beide Traditionen bezeugen die Einheit Allahs, das Prophetentum Muhammads ﷺ und die Rückkehr zu Allah, und beide lieben die Familie des Propheten ﷺ. Wo sie sich unterscheiden, vor allem in der Frage der Imama, erklärt das Kapitel Sunniten und Schiiten die Hintergründe.
Iman im Alltag
Glaube zeigt sich nicht nur in der Moschee. Er zeigt sich, wenn du am Morgen „Bismillah“ sagst, wenn du ehrlich bleibst, obwohl es dich etwas kostet, wenn du bei einer schweren Nachricht sagst: „Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück“ 2:156, wenn du deinen Eltern hilfst oder einem Fremden den Weg zeigst. Das Kapitel Islam im Alltag zeigt, wie ein ganzer Tag vom Glauben getragen sein kann.
Einige kleine Schritte für den Anfang:
- Lerne den Thronvers 2:255 und die letzten beiden Verse der Sure al-Baqara 2:285–286; beide fassen den Glauben wunderbar zusammen. Du kannst sie bei uns Vers für Vers hören.
- Wähle jede Woche einen der schönen Namen Allahs und achte darauf, wo er dir im Alltag begegnet.
- Sprich morgens und abends ein kurzes Gedenken und nimm dir einen Moment der Stille.
- Tu jeden Tag eine kleine gute Tat im Verborgenen – nur für Allah.
Zum Abschluss
Die sechs Säulen des Glaubens sind keine trockene Liste. Sie beantworten die großen Fragen des Lebens: Wer hat mich erschaffen? Bin ich allein? Wie spricht Gott zu den Menschen? Wem kann ich folgen? Wohin gehe ich? Und warum geschieht, was geschieht? Wer diese Antworten im Herzen trägt, kann gelassener, dankbarer und mutiger leben.
Beten wir zum Schluss mit den Worten des Korans: „Unser Herr, lass unsere Herzen nicht abschweifen, nachdem Du uns rechtgeleitet hast, und schenke uns Barmherzigkeit von Dir. Du bist ja der unablässig Schenkende“ 3:8.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Islam, Iman und Ihsan?
Im Hadith des Dschibril (Muslim 8) beschreibt der Prophet ﷺ drei Stufen: Islam ist die sichtbare Hingabe mit den fünf Säulen, Iman der Glaube im Herzen mit seinen sechs Inhalten, und Ihsan bedeutet, Allah so zu dienen, als würde man Ihn sehen. Der Koran unterscheidet ebenfalls zwischen der äußeren Hingabe und dem Glauben, der ins Herz eingezogen ist (49:14).
Warum gibt es sechs Säulen des Glaubens, aber fünf Säulen des Islam?
Die fünf Säulen des Islam sind Handlungen, die man sieht: Bekenntnis, Gebet, Fasten, Zakat und Pilgerfahrt. Die sechs Säulen des Glaubens sind Inhalte, die das Herz bejaht. Beide gehören zusammen wie die Wurzeln und die Zweige eines Baumes.
Glauben schiitische Muslime an die sechs Säulen?
Ja, sie glauben an Allah, die Engel, die Bücher, die Gesandten, den Jüngsten Tag und Allahs Bestimmung. In der schiitischen Theologie werden die Grundlagen aber meist als fünf Usul ad-Din geordnet: Tauhid, 'Adl (Gerechtigkeit Allahs), Nubuwwa (Prophetentum), Imama (Führung durch die Imame) und Ma'ad (Rückkehr zu Allah).
Wenn alles vorherbestimmt ist, bin ich dann für meine Taten verantwortlich?
Ja. Der Koran sagt: „Wir haben ihm den Weg gezeigt, ob er nun dankbar ist oder undankbar“ (76:3), und Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie tragen kann (2:286). Allah weiß alles, doch du entscheidest wirklich. Der Prophet ﷺ sagte: „Binde es an und vertraue auf Allah“ (at-Tirmidhi) – handeln und vertrauen gehören zusammen.
Ist es schlimm, wenn ich Zweifel habe?
Beunruhigende Gedanken sind menschlich. Als einige Gefährten dem Propheten ﷺ klagten, ihnen kämen Gedanken, die sie kaum auszusprechen wagten, sagte er: „Das ist klarer Glaube“ (Muslim) – denn gerade dass sie darunter litten, zeigte ihren Glauben. Suche Wissen, sprich mit vertrauenswürdigen Gelehrten und bitte Allah um Festigkeit.
Kann man Engel sehen?
Normalerweise nicht, denn sie gehören zur verborgenen Welt. Der Koran berichtet aber, dass Engel auf Allahs Geheiß in menschlicher Gestalt erschienen, etwa bei Maryam (19:17) und bei Ibrahim (11:69–70). Auch im Hadith des Dschibril kam der Engel in Gestalt eines Mannes.
Quellen
- Koran 2:3, 2:97–98, 2:156, 2:177, 2:186, 2:255, 2:285–286, 3:3, 3:8, 3:173, 3:185, 3:190–191, 4:40, 4:136, 4:163–164, 5:46, 5:48, 8:2, 11:69–70, 13:11, 13:28, 15:9, 16:36, 16:90, 18:50, 19:17, 21:20, 21:47, 21:107, 23:100, 26:193–194, 30:30, 32:11, 32:17, 33:40, 33:43, 35:1, 36:78–79, 39:53, 39:68, 41:30, 42:11, 48:4, 49:14, 50:16–18, 54:49, 55:15, 57:4, 57:22–23, 59:23, 66:6, 74:31, 76:3, 82:10–12, 87:18–19, 91:9–10, 99:7–8, 112:1–4
- Sahih Muslim 8 (Hadith des Dschibril, überliefert von Umar ibn al-Khattab); Sahih al-Bukhari 50 (dieselbe Begebenheit, überliefert von Abu Huraira)
- Sahih al-Bukhari und Sahih Muslim (Fitra, Hadith Qudsi über das Paradies, „Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt …“, Zweige des Glaubens, Süße des Glaubens, Liebe zum Bruder)
- Sahih Muslim (Erschaffung der Engel aus Licht, Versammlung zum Koranstudium, Hanzala, die Sache des Gläubigen, „Das ist klarer Glaube“, der gewaltigste Vers des Korans)
- Dschami' at-Tirmidhi (Ibn Abbas, das Kamel anbinden, „O Du, der die Herzen wendet“, die Umkehrenden, der vertrauenswürdige Gläubige); Sunan an-Nasa'i (der vertrauenswürdige Gläubige)
- al-Kulaini: al-Kafi (Wort von Imam Dscha'far as-Sadiq über Zwang und Überlassung)
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