Islam verstehen

Kapitel 26Die Schule von Imam Dscha'far as-Sadiq

Die Dscha'fari-Rechtsschule

Die Dscha'fari-Rechtsschule trägt den Namen von Imam Dscha'far as-Sadiq (Friede sei mit ihm), einem Urenkel von Husain und einem der großen Lehrer Medinas im zweiten Jahrhundert nach der Hidschra. Sie ist die Rechtsschule der Zwölfer-Schiiten und wird von der Amman-Botschaft ausdrücklich als eine der acht anerkannten Schulen des Islam genannt. In diesem Kapitel lernst du sie so kennen, wie ihre Anhänger sie selbst verstehen – ruhig, genau und mit Respekt.

12 Min. Lesezeit

148 n. H.
Todesjahr von Imam Dscha'far as-Sadiq in Medina (765 n. Chr.)
4
klassische Hadith-Werke: al-Kafi, Man la yahduruhu al-faqih, Tahdhib al-Ahkam, al-Istibsar
Nadschaf & Qom
die bekanntesten Zentren der Gelehrsamkeit (Hauza)
8
Rechtsschulen in der Amman-Botschaft – die Dscha'fari-Schule ist eine davon

Ein Lehrer in Medina

Stell dir Medina im zweiten Jahrhundert nach der Hidschra vor. Die Stadt des Propheten ﷺ ist ein Ort des Lernens: In der Moschee des Propheten sitzen Gelehrte im Kreis, Schüler aus Kufa, Basra, Ägypten und Chorasan reisen an, um Hadithe zu hören, Fragen zu stellen und Antworten aufzuschreiben. In dieser Welt lehrte Dscha'far ibn Muhammad, den die Muslime bis heute as-Sadiq nennen – „der Wahrhaftige“.

Sein Vater war Muhammad al-Baqir, sein Großvater Ali Zain al-Abidin, und dessen Vater war Husain ibn Ali, der Enkel des Propheten ﷺ. Über seine Mutter, Umm Farwa, war Imam Dscha'far zugleich ein Nachfahre von Abu Bakr as-Siddiq, denn sie war eine Enkelin von al-Qasim ibn Muhammad ibn Abi Bakr, einem der bekannten Rechtsgelehrten Medinas. In seiner Person begegnen sich also zwei Linien, die beide Traditionen des Islam lieben.

Imam Dscha'far starb im Jahr 148 nach der Hidschra (765 n. Chr.) in Medina und wurde auf dem Friedhof al-Baqi' beigesetzt, nahe bei seinem Vater und seinem Urgroßvater Hasan. Für die Zwölfer-Schiiten ist er der sechste Imam. Sein Leben fiel in eine bewegte Zeit, in der die Herrschaft der Umayyaden endete und die der Abbasiden begann. Gerade in dieser Zeit des Umbruchs widmete er sich vor allem dem Lehren, und so wurde sein Unterrichtskreis zu einem der bedeutendsten seiner Epoche.

Ein Lehrer, den auch sunnitische Gelehrte ehrten

Imam Dscha'far gehört nicht nur einer Tradition. Auch sunnitische Gelehrte erwähnen ihn mit großer Hochachtung, und es lohnt sich, das zu kennen, ohne es zu übertreiben.

  • In den Hadith-Sammlungen: Imam Muslim überliefert in seinem Sahih von Dscha'far ibn Muhammad, von seinem Vater, von Dschabir ibn Abdillah den berühmten ausführlichen Bericht über die Pilgerfahrt des Propheten ﷺ. Viele Rechtsgelehrte aller Schulen haben die Regeln des Hadsch aus genau diesem Bericht abgeleitet.
  • Imam Malik: Von Malik ibn Anas, möge Allah ihm barmherzig sein, wird berichtet, dass er Dscha'far ibn Muhammad oft besuchte und ihn stets im Gebet, beim Fasten oder beim Lesen des Quran antraf, und er lobte seine Gottesfurcht.
  • Imam Abu Hanifa: Auch von Abu Hanifa, möge Allah ihm barmherzig sein, wird überliefert, dass er Imam Dscha'far begegnete und sein Wissen hoch schätzte. Die sunnitischen Biografen, etwa adh-Dhahabi in seinem großen Gelehrtenlexikon, beschreiben Imam Dscha'far als einen der großen Gelehrten und Frommen seiner Zeit.

Wir sagen hier bewusst „es wird berichtet“. Über die genaue Art dieser Begegnungen gibt es verschiedene Darstellungen, und ein ehrlicher Lehrer sagt nicht mehr, als er weiß. Sicher ist: Sunnitische wie schiitische Muslime nennen seinen Namen mit Liebe, und viele Sufi-Wege führen ihre geistige Kette über ihn bis zum Propheten ﷺ zurück.

Seine Schüler und sein Erbe

Um Imam Dscha'far und seinen Vater Imam al-Baqir sammelte sich ein großer Kreis von Schülern. In der schiitischen Überlieferung werden unter anderen Zurara ibn A'yan, Muhammad ibn Muslim, Aban ibn Taghlib und Hischam ibn al-Hakam genannt. Sie schrieben auf, was sie hörten, und so entstanden zahlreiche kleine Schriften, in der Tradition oft Usul genannt, „Grundbücher“. Aus diesem Material schöpften die späteren Gelehrten, als sie die großen Hadith-Sammlungen zusammenstellten.

Weil so viel von dem, was die Zwölfer-Schiiten im Bereich des Rechts überliefern, auf Imam Dscha'far und seinen Vater zurückgeht, trägt ihre Rechtsschule seinen Namen: al-Madhhab al-Dscha'fari, die Dscha'fari-Schule. Das bedeutet nicht, dass er ein Lehrbuch im heutigen Sinn verfasst hätte. Es bedeutet, dass seine Antworten, Erklärungen und Urteile den Kern bilden, um den herum die Schule gewachsen ist.

Die Zwölfer-Schia

Die Dscha'fari-Schule ist die Rechtsschule der Zwölfer-Schiiten (Ithna 'aschariyya oder Imamiyya). Sie glauben, dass die Führung der Gemeinschaft nach dem Propheten ﷺ auf zwölf Imame aus seiner Familie übergegangen ist:

  1. Ali ibn Abi Talib
  2. Hasan ibn Ali
  3. Husain ibn Ali
  4. Ali Zain al-Abidin
  5. Muhammad al-Baqir
  6. Dscha'far as-Sadiq
  7. Musa al-Kazim
  8. Ali ar-Rida
  9. Muhammad al-Dschawad
  10. Ali al-Hadi
  11. Hasan al-Askari
  12. Muhammad al-Mahdi

Nach ihrem Glauben lebt der zwölfte Imam in der Verborgenheit (Ghaiba) und wird am Ende der Zeit wiederkommen, um die Welt mit Gerechtigkeit zu füllen. Die Imame gelten in dieser Lehre nicht als Propheten, sondern als von Allah rechtgeleitete Hüter und Erklärer der Botschaft. Auch Sunniten lieben und ehren diese Persönlichkeiten als Angehörige der Familie des Propheten ﷺ, auch wenn sie ihre Stellung theologisch anders verstehen.

Für das Recht hat die Verborgenheit eine wichtige Folge: Weil der Imam nicht unmittelbar befragt werden kann, tragen die Gelehrten die Verantwortung, das Recht aus den Quellen zu erschließen. Daraus entstand das System der Mardschi'iyya, zu dem wir gleich kommen.

Die Quellen des Rechts

Die Dscha'fari-Gelehrten nennen in der Regel vier Quellen, aus denen das Recht abgeleitet wird:

  • Der Quran: das Wort Allahs, die erste und höchste Quelle.
  • Die Sunna: das Wort, das Handeln und die stillschweigende Billigung des Propheten ﷺ. Nach dem Verständnis dieser Schule gehören dazu auch die Überlieferungen der zwölf Imame, denn sie gelten als zuverlässige Bewahrer und Erklärer der prophetischen Sunna. Wenn Imam Dscha'far sagt, wie man betet, dann wird dies so verstanden, dass er die Sunna seines Großvaters ﷺ weitergibt.
  • Der Konsens (Idschma'): Die Übereinstimmung der Gelehrten hat Gewicht, vor allem weil sie anzeigt, dass eine Ansicht auf die Lehre der Imame zurückgeht.
  • Der Verstand ('Aql): Die Vernunft gilt als Quelle, wo sie klare Urteile fällt – etwa dass Gerechtigkeit gut und Unrecht schlecht ist – und als Werkzeug, um aus den Texten Folgerungen zu ziehen.

Ein Unterschied zu den sunnitischen Schulen ist bekannt: Der Analogieschluss (Qiyas) im Sinne einer Übertragung eines Urteils auf einen neuen Fall aufgrund einer nur vermuteten Ähnlichkeit wird in der Dscha'fari-Schule nicht als eigene Quelle anerkannt. Die Gelehrten berufen sich dafür auf Aussagen der Imame. Dafür haben sie eine sehr feine Lehre von den praktischen Grundsätzen (al-Usul al-'amaliyya) entwickelt: Was tun, wenn ein Text fehlt oder unklar ist? Dann greifen Regeln wie die Annahme der Erlaubtheit (Bara'a), das Fortbestehen des bisherigen Zustands (Istishab) oder die Vorsicht (Ihtiyat). Wer sich mit Rechtstheorie beschäftigt, wird hier eine erstaunliche Tiefe finden.

Idschtihad und die Mardschi'iyya

Ein besonderes Merkmal der Dscha'fari-Schule ist, dass das Tor des Idschtihad – der selbstständigen Rechtsfindung durch qualifizierte Gelehrte – immer offen geblieben ist. Jede Generation hat ihre eigenen Mudschtahids, die das Recht aus den Quellen neu durchdenken.

Daraus ergibt sich ein einfaches Prinzip für das tägliche Leben:

  • Wer selbst ein Mudschtahid ist, folgt seinem eigenen Urteil.
  • Wer kein Gelehrter ist – und das sind die allermeisten Gläubigen –, folgt einem qualifizierten Gelehrten. Das nennt man Taqlid, das Befolgen.
  • Der Gelehrte, dem viele Menschen folgen, heißt Mardscha' at-Taqlid, wörtlich „Bezugspunkt des Befolgens“.

Ein Mardscha' veröffentlicht in der Regel eine praktische Abhandlung (Risala 'amaliyya), in der er seine Urteile zu Gebet, Fasten, Reinheit, Handel und vielen anderen Themen zusammenfasst. Nach der verbreiteten Lehre sollen Gläubige, die zum ersten Mal einem Gelehrten folgen, einen lebenden Mudschtahid wählen, und zwar den, den sie nach bestem Wissen für den gelehrtesten halten. So bleibt das Recht lebendig und kann auf neue Fragen antworten – von Bankgeschäften bis zur Medizin.

Im Laufe der Geschichte gab es zwei Strömungen: die Usulis, die die Rechtstheorie und den Idschtihad betonen, und die Achbaris, die sich enger an den Wortlaut der Überlieferungen halten wollten. Seit dem 18. Jahrhundert ist die Usuli-Richtung in den großen Gelehrtenzentren vorherrschend.

Die vier Bücher

So wie die Sunniten ihre großen Hadith-Sammlungen haben, so haben die Zwölfer-Schiiten vier klassische Werke, die man gemeinsam al-Kutub al-arba'a nennt, „die vier Bücher“:

  1. al-Kafi von Muhammad ibn Ya'qub al-Kulaini (gest. 329 n. H.). Es ist die umfangreichste und älteste der vier Sammlungen und enthält Teile über Glaubensfragen (al-Usul), über das Recht (al-Furu') und vermischte Berichte (ar-Rauda).
  2. Man la yahduruhu al-faqih – „Für den, der keinen Rechtsgelehrten zur Hand hat“ – von asch-Schaich as-Saduq Ibn Babawaih (gest. 381 n. H.). Der Titel zeigt schon die Absicht: ein Nachschlagewerk für Menschen, die keinen Gelehrten in der Nähe haben.
  3. Tahdhib al-Ahkam von asch-Schaich at-Tusi (gest. 460 n. H.), eine große Sammlung von Überlieferungen zum Recht.
  4. al-Istibsar ebenfalls von asch-Schaich at-Tusi, in dem er scheinbar widersprüchliche Überlieferungen behandelt und miteinander in Einklang bringt.

Wichtig zu wissen: Die Dscha'fari-Gelehrten der Usuli-Richtung betrachten nicht jeden Bericht in diesen Büchern automatisch als gesichert. Sie prüfen die Überlieferungsketten und den Inhalt, ähnlich wie es die sunnitische Hadith-Wissenschaft tut. Später entstanden große Sammelwerke wie Wasa'il asch-Schi'a von al-Hurr al-Amili und Bihar al-Anwar von al-Madschlisi. Hoch geschätzt sind außerdem Nahdsch al-Balagha, eine Sammlung von Reden und Briefen Alis, zusammengestellt von asch-Scharif ar-Radi, und as-Sahifa as-Saddschadiyya, die Bittgebete von Imam Zain al-Abidin – Texte, die auch viele sunnitische Leser wegen ihrer Sprache und Spiritualität lieben.

Große Gelehrte

Die Geschichte der Schule ist reich an Gelehrten, die weit über ihre eigene Gemeinschaft hinaus wirkten. Einige Namen, die du kennen solltest:

  • asch-Schaich al-Mufid (gest. 413 n. H.) in Bagdad, Lehrer einer ganzen Generation.
  • asch-Scharif al-Murtada (gest. 436 n. H.), ein bedeutender Theologe und Rechtsgelehrter, Bruder von asch-Scharif ar-Radi.
  • asch-Schaich at-Tusi (gest. 460 n. H.), Verfasser zweier der vier Bücher und Werke über Rechtstheorie und Quran-Auslegung. Nach der Überlieferung zog er von Bagdad nach Nadschaf, und mit ihm beginnt die lange Geschichte der Gelehrsamkeit in dieser Stadt.
  • al-Muhaqqiq al-Hilli und al-'Allama al-Hilli aus Hilla im Irak, deren Lehrbücher, etwa Schara'i' al-Islam, über Jahrhunderte gelehrt wurden.
  • asch-Schaich Murtada al-Ansari (gest. 1281 n. H.), dessen Werke zur Rechtstheorie und zum Handelsrecht bis heute Grundlage des fortgeschrittenen Unterrichts sind.

Auch über das Recht hinaus haben Gelehrte aus dieser Tradition zur islamischen Zivilisation beigetragen, etwa Nasir ad-Din at-Tusi, dessen Arbeiten in Astronomie, Mathematik und Philosophie in der ganzen islamischen Welt gelesen wurden.

Nadschaf und Qom

Die Ausbildung der Gelehrten findet in der Hauza statt, dem traditionellen Gelehrtenseminar. Zwei Städte sind besonders bekannt:

  • Nadschaf im Irak, die Stadt, in der Ali ibn Abi Talib begraben ist. Seit fast tausend Jahren ist sie ein Ort des Studiums, an dem Schüler aus vielen Ländern lernen.
  • Qom im Iran, wo im frühen 20. Jahrhundert die Hauza neu aufgebaut wurde und heute ebenfalls viele Studierende ausgebildet werden.

Der Unterricht folgt einem alten Weg: zuerst arabische Grammatik, Logik und Grundlagen, dann Rechtstexte und Rechtstheorie, schließlich der fortgeschrittene Unterricht (Bahth al-Charidsch), in dem der Lehrer die Fragen frei aus den Quellen entwickelt. Wer diesen Weg bis zum Ende geht, kann selbst zum Mudschtahid werden. Weitere bekannte Lernorte gibt es unter anderem in Kerbela, Maschhad und im Libanon.

Was einem im Alltag auffällt

Wenn du neben einem Dscha'fari-Muslim betest, wirst du vielleicht kleine Unterschiede bemerken. Sie sind keine Abweichung vom Islam, sondern Ergebnis anderer Überlieferungen und Rechtsauslegungen. Ähnliche Unterschiede gibt es auch zwischen den sunnitischen Schulen.

  • Die Hände im Gebet: Sie werden meist seitlich herabhängend gehalten, wie es auch viele Malikiten tun.
  • Die Turba: Viele Schiiten legen beim Niederwerfen die Stirn auf ein kleines Stück Erde oder Ton, die Turba. Der Grund liegt im Recht: Nach dieser Schule soll die Niederwerfung auf Erde oder auf etwas geschehen, das aus der Erde wächst und weder gegessen noch als Kleidung getragen wird. Man wirft sich also auf die Erde nieder, nicht vor ihr – die Anbetung gilt allein Allah. Oft stammt die Erde aus Kerbela, aus Liebe zum Ort, an dem Husain starb.
  • Das Zusammenlegen von Gebeten: Dscha'fari-Muslime verrichten das Mittags- und Nachmittagsgebet sowie das Abend- und Nachtgebet häufig direkt nacheinander. Es bleiben fünf Gebete, nur zu drei Zeitpunkten. Sie stützen sich dabei auch auf einen Bericht, den Imam Muslim in seinem Sahih von Ibn Abbas überliefert: dass der Prophet ﷺ in Medina die Gebete zusammenlegte, ohne dass Furcht oder Reise der Grund war.
  • Die rituelle Waschung: Die Arme werden vom Ellbogen zu den Fingerspitzen gewaschen, und die Füße werden mit den nassen Händen bestrichen, nicht gewaschen. Die Gelehrten leiten das aus ihrer Lesart von Sure 5:6 ab.
  • Der Gebetsruf: Nach „Hayya 'ala l-falah“ folgt der Satz „Hayya 'ala chair al-'amal“ – „Eilt zur besten Tat“.

Der Chums

Eine weitere Besonderheit ist der Chums, das „Fünftel“. Er stützt sich auf Sure 8:41: „Und wisst, dass, was immer ihr erbeutet, ein Fünftel davon Allah gehört und dem Gesandten und den Verwandten …“ Nach der Dscha'fari-Lehre bezieht sich diese Pflicht nicht nur auf Kriegsbeute, sondern auch auf den Überschuss des Jahreseinkommens, der nach Abzug der Lebenskosten übrig bleibt. Ein Teil wird nach dieser Lehre für die Bedürftigen aus der Nachkommenschaft des Propheten ﷺ verwendet, ein anderer Teil über die Gelehrten für religiöse Zwecke wie Bildung, Moscheen und soziale Hilfe. Der Chums kommt zur Zakat hinzu, er ersetzt sie nicht. Sunnitische Gelehrte verstehen den Vers enger, nämlich vor allem auf Kriegsbeute und Bodenschätze bezogen. Auch hier gilt: zwei sorgfältige Auslegungen desselben Verses.

Anerkennung unter den Schulen

Schon im 20. Jahrhundert bemühten sich Gelehrte um Annäherung. In Kairo entstand eine Vereinigung zur Annäherung der Rechtsschulen, und Schaich Mahmud Schaltut, damals Schaich der al-Azhar, erklärte 1959 in einem bekannten Fatwa, dass es erlaubt sei, sich in der Anbetung nach der Dscha'fari-Schule zu richten, wie nach den anderen anerkannten Schulen.

Die Amman-Botschaft von 2004, die 2005 von Gelehrten aus vielen Ländern bestätigt wurde, nennt die Dscha'fari-Schule ausdrücklich unter den acht anerkannten Rechtsschulen und verbietet, ihre Anhänger zu Ungläubigen zu erklären. In den Golfstaaten, in denen die malikitische Schule eine lange Tradition hat, leben sunnitische und schiitische Nachbarn seit Generationen nebeneinander, arbeiten zusammen und beten in denselben heiligen Stätten von Mekka und Medina.

Zum Abschluss

Wer die Dscha'fari-Schule kennenlernt, begegnet einer Tradition voller Ernsthaftigkeit: einer tiefen Liebe zur Familie des Propheten ﷺ, einer langen Kette von Gelehrten und einer Rechtstheorie, die zu den feinsten der islamischen Geistesgeschichte gehört. Du musst ihr nicht folgen, um sie zu achten. Und du musst nicht jede ihrer Ansichten teilen, um von ihr zu lernen.

Allah sagt: „O ihr Menschen, Wir haben euch aus einem Mann und einer Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt“ Sure 49:13. Kennenlernen ist der erste Schritt zu Verständnis. Imam Dscha'far as-Sadiq hat in Medina Schüler aus vielen Richtungen unterrichtet. Vielleicht ist das die schönste Art, sein Erbe zu ehren: gemeinsam zu lernen, mit offenem Herzen und gutem Benehmen.

Häufige Fragen

Warum heißt die Schule nach Imam Dscha'far und nicht nach Imam Ali?

Weil ein besonders großer Teil der Überlieferungen zum Recht auf Imam Dscha'far as-Sadiq und seinen Vater Imam al-Baqir zurückgeht. In ihrer Zeit konnten sie in Medina verhältnismäßig frei lehren und hatten viele Schüler. Die Schule versteht ihre Lehre aber als Weitergabe der Sunna des Propheten ﷺ über alle Imame.

Ist die Turba ein Gegenstand der Verehrung?

Nein. Die Turba ist ein Stück Erde, auf das man beim Niederwerfen die Stirn legt, weil die Niederwerfung nach dieser Schule auf Erde oder auf natürlichem, nicht essbarem Material geschehen soll. Die Anbetung gilt allein Allah.

Dürfen Schiiten die Gebete wirklich zusammenlegen?

Nach der Dscha'fari-Schule ja: Mittags- und Nachmittagsgebet sowie Abend- und Nachtgebet dürfen nacheinander verrichtet werden, es bleiben aber fünf Gebete. Sie stützen sich unter anderem auf einen Bericht von Ibn Abbas in Sahih Muslim. Auch sunnitische Schulen kennen das Zusammenlegen, vor allem auf Reisen.

Was ist ein Mardscha' at-Taqlid?

Ein hochrangiger Gelehrter (Mudschtahid), dessen Rechtsurteilen Gläubige im Alltag folgen. Er fasst seine Urteile meist in einer praktischen Abhandlung zusammen. So bleibt der Idschtihad lebendig und kann auf neue Fragen antworten.

Erkennen sunnitische Gelehrte die Dscha'fari-Schule an?

Viele ja. Bekannt ist das Fatwa von Schaich Mahmud Schaltut von der al-Azhar aus dem Jahr 1959, und die Amman-Botschaft (2004/2005) nennt die Dscha'fari-Schule unter den acht anerkannten Rechtsschulen.

Quellen

  • Quran 5:6, 8:41, 49:13
  • Sahih Muslim: Bericht von Dschabir über die Pilgerfahrt des Propheten ﷺ (über Dscha'far ibn Muhammad); Bericht von Ibn Abbas über das Zusammenlegen der Gebete in Medina
  • al-Kulaini: al-Kafi; Ibn Babawaih (asch-Schaich as-Saduq): Man la yahduruhu al-faqih; at-Tusi: Tahdhib al-Ahkam und al-Istibsar
  • al-Muhaqqiq al-Hilli: Schara'i' al-Islam; Murtada al-Ansari: Fara'id al-Usul
  • adh-Dhahabi: Siyar A'lam an-Nubala' (Eintrag zu Dscha'far ibn Muhammad)
  • Die Amman-Botschaft (2004) und die Beschlüsse der Internationalen Islamischen Konferenz in Amman (2005)

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