Islam verstehen

Kapitel 23Das Erbe Medinas

Die malikitische Rechtsschule

Die malikitische Rechtsschule trägt den Namen von Imam Malik ibn Anas, dem großen Gelehrten Medinas, möge Allah ihm barmherzig sein. Sie bewahrt wie keine andere Schule den gelebten Islam der Stadt des Propheten ﷺ und hat Nord- und Westafrika, das historische Andalusien und auch die Golfregion über Jahrhunderte geprägt. Viele Menschen in den Emiraten beten, fasten und leben nach ihrem Verständnis – Grund genug, sie mit besonderer Liebe kennenzulernen.

13 Min. Lesezeit

179 n. H.
Imam Malik stirbt in Medina (795 n. Chr.) und wird im Baqi' bestattet
al-Muwatta'
eines der ältesten erhaltenen Werke, das Hadith und Fiqh vereint
Medina
die Praxis ihrer Bewohner ('amal ahl al-Madina) gilt als eigene Rechtsquelle
8
Rechtsschulen erkennt die Amman-Botschaft an – die malikitische ist eine davon

Ein Gelehrter, der Medina nie verlassen wollte

Stell dir Medina im zweiten Jahrhundert nach der Hidschra vor. Die Gefährten des Propheten ﷺ sind verstorben, doch ihre Kinder und Schüler leben noch in denselben Gassen, beten in derselben Moschee und erinnern sich daran, wie ihre Väter gebetet, gehandelt und geurteilt haben. In dieser Stadt wächst ein Junge namens Malik ibn Anas heran. Er wird später einer der größten Gelehrten der islamischen Geschichte, und die Schule, die seinen Namen trägt, wird bis heute von vielen Millionen Menschen befolgt.

Imam Malik, möge Allah ihm barmherzig sein, wurde in Medina geboren, verbrachte dort sein ganzes Leben und starb dort im Jahr 179 nach der Hidschra (795 n. Chr.). Außer zur Pilgerfahrt hat er die Stadt kaum verlassen. Das war keine Bequemlichkeit, sondern Liebe und Ehrfurcht: Er wollte in der Nähe des Propheten ﷺ leben und sterben. Überliefert wird, dass er in Medina aus Respekt vor dem Ort, an dem der Prophet ﷺ begraben liegt, nicht ritt.

Lernen bei den Erben der Gefährten

Seine Mutter soll ihm, als er zum Lernen ging, die Kleidung der Gelehrten angelegt und gesagt haben: Geh zu Rabi'a und lerne von ihm zuerst sein Benehmen, dann sein Wissen. Dieser Satz begleitet die malikitische Tradition bis heute: Adab kommt vor 'Ilm – gutes Benehmen vor Wissen.

Zu seinen Lehrern gehörten große Namen Medinas:

  • Nafi', der Freigelassene von Abdullah ibn Umar, möge Allah mit ihnen zufrieden sein. Die Kette „Malik von Nafi' von Ibn Umar“ wurde von al-Buchari als eine der stärksten Überlieferungsketten gerühmt und als „goldene Kette“ bekannt.
  • Ibn Schihab az-Zuhri, einer der bedeutendsten Hadith-Gelehrten seiner Zeit.
  • Rabi'a ibn Abi Abd ar-Rahman, genannt Rabi'at ar-Ra'y, ein Meister der juristischen Überlegung.
  • Yahya ibn Sa'id al-Ansari und viele andere Gelehrte der Stadt.
  • Auch von Dscha'far as-Sadiq, dem Urenkel Husains, hat Imam Malik überliefert und ihn mit großer Hochachtung erwähnt.

Erst als zahlreiche Gelehrte Medinas bezeugten, dass er dazu befähigt sei, setzte er sich hin, um zu lehren und Rechtsgutachten zu geben – so wird es von ihm berichtet.

Ehrfurcht vor dem Hadith

Es gibt viele Berichte darüber, wie Imam Malik den Hadith ehrte. Bevor er Aussprüche des Propheten ﷺ vortrug, soll er die Ganzkörperwaschung genommen, sich parfümiert, saubere Kleidung angezogen und sich mit Würde hingesetzt haben. Seine Lehrstunden waren still und ernst. Man fühlte, dass hier nicht über irgendein Wissen gesprochen wurde, sondern über das Erbe des Gesandten Allahs ﷺ.

Ebenso berühmt ist seine Demut. Wenn er etwas nicht sicher wusste, sagte er ohne Scheu: „Ich weiß es nicht.“ Es wird berichtet, dass ein Mann von weit her mit vielen Fragen zu ihm kam und auf einen großen Teil davon diese Antwort erhielt. Für Imam Malik war „Ich weiß es nicht“ selbst ein Teil des Wissens. Ein Gelehrter, der aus Ehrfurcht vor Allah schweigt, wo er unsicher ist, lehrt uns mehr als tausend schnelle Antworten.

Ihm wird auch der schöne Satz zugeschrieben, den er mit Blick auf das Grab des Propheten ﷺ sprach: Von jedem Menschen kann man Worte annehmen oder zurückweisen – außer vom Bewohner dieses Grabes.

Standhaft in der Prüfung

Imam Malik lebte nicht abseits der Welt. Er erlebte Machtwechsel und Unruhen, und er blieb bei dem, was er für richtig hielt. Bekannt ist, dass er wegen eines Rechtsgutachtens – es ging darum, dass eine unter Zwang ausgesprochene Scheidung nicht gültig ist – vom damaligen Statthalter Medinas ausgepeitscht wurde. Er ertrug es mit Geduld, und seine Achtung bei den Menschen wuchs nur noch.

Als der Kalif Abu Dscha'far al-Mansur vorschlug, das Muwatta' im ganzen Reich als einziges verbindliches Gesetzbuch einzuführen, lehnte Imam Malik nach dem bekannten Bericht ab. Die Gefährten des Propheten ﷺ seien in viele Länder gezogen, und jede Gegend habe Wissen von ihnen erhalten. Man solle die Menschen bei dem lassen, was sie kennen. Dieser Moment sagt viel über ihn: Ein Gelehrter, der die Macht hatte, seine Meinung allen aufzuzwingen, und der sich aus Respekt vor anderen Gelehrten dagegen entschied.

Auch dem Kalifen Harun ar-Raschid gegenüber wahrte er die Würde des Wissens. Ihm wird der Satz zugeschrieben: Das Wissen wird aufgesucht, es geht nicht zu den Leuten.

Das Muwatta' – der „geebnete Weg“

Das Hauptwerk Imam Maliks ist al-Muwatta', was so viel bedeutet wie „der geebnete, leicht gangbare Weg“. Er arbeitete viele Jahre daran, prüfte, kürzte und verfeinerte es immer wieder. Das Buch verbindet:

  • Aussprüche und Handlungen des Propheten ﷺ,
  • Aussagen und Urteile der Gefährten,
  • Ansichten der Nachfolgegeneration (Tabi'un),
  • die gelebte Praxis Medinas und Imam Maliks eigene Urteile.

Es ist damit eines der ältesten erhaltenen Werke, das Hadith und Rechtswissenschaft in einem Buch zusammenführt. Imam asch-Schafi'i, der selbst bei Malik lernte, soll gesagt haben, dass es nach dem Buch Allahs kein Buch auf Erden gebe, das korrekter sei als das Buch Maliks – ein Wort, das vor der Zusammenstellung der großen Sahih-Sammlungen gesprochen wurde.

Das Muwatta' ist in mehreren Überlieferungen (Riwayat) erhalten, weil viele Schüler es direkt von Malik hörten. Die bekannteste ist die des Andalusiers Yahya ibn Yahya al-Laithi; eine andere wichtige stammt von Muhammad ibn al-Hasan asch-Schaibani, dem großen Schüler Abu Hanifas. Dass ein führender Hanafit das Muwatta' bei Malik hörte und überlieferte, zeigt, wie eng die Gelehrten der verschiedenen Schulen damals miteinander verbunden waren.

In der Sammlung von at-Tirmidhi findet sich ein Hadith, nach dem die Menschen einst weite Reisen auf der Suche nach Wissen unternehmen und niemanden finden werden, der kundiger ist als der Gelehrte von Medina. At-Tirmidhi berichtet, dass Sufyan ibn Uyaina diesen Gelehrten als Malik ibn Anas verstand.

Die Methode: wie die Malikiten Recht finden

Jede Rechtsschule ist im Kern eine Methode (Usul al-Fiqh): ein Weg, aus dem Quran und der Sunna Urteile für das Leben abzuleiten. Die malikitische Methode zeichnet sich durch zwei Dinge aus: ihre tiefe Verwurzelung in der Praxis Medinas und ihren weiten Blick auf das Gemeinwohl.

Die Quellen

  1. Der Quran – das Wort Allahs, Grundlage von allem.
  2. Die Sunna – Worte, Taten und Billigungen des Propheten ﷺ.
  3. Der Konsens (Idschma') der Gelehrten.
  4. Die Praxis der Leute Medinas ('amal ahl al-Madina) – das Besondere der Schule.
  5. Der Analogieschluss (Qiyas) – eine neue Frage wird nach einem bekannten Fall beurteilt, wenn der Grund des Urteils derselbe ist.

Dazu kommen weitere Prinzipien, die die Malikiten besonders ausgiebig nutzen:

  • al-Masalih al-mursala: das Gemeinwohl, wo kein Text eine Frage ausdrücklich regelt, solange es den Zielen der Scharia entspricht.
  • Istihsan: eine Abwägung, bei der man in einem Einzelfall von der strengen Analogie abweicht, um einem stärkeren Grund zu folgen.
  • Sadd adh-dhara'i': das Verschließen von Wegen, die absehbar zu Schaden führen.
  • 'Urf: die Berücksichtigung örtlicher Gewohnheiten, wo sie der Scharia nicht widersprechen.
  • Istishab: man geht vom bisherigen Zustand aus, bis das Gegenteil feststeht.
  • Die Aussagen der Gefährten haben in der Schule großes Gewicht.

Warum die Praxis Medinas so wichtig ist

Für Imam Malik war Medina keine Stadt wie jede andere. Hier hatte der Prophet ﷺ zehn Jahre gelebt, gebetet, gelehrt und geurteilt. Was die ganze Stadt Generation um Generation gemeinsam tat – etwa die Art des Gebetsrufs oder bestimmte Maße und Gewichte –, war für ihn wie eine lebendige Überlieferung, getragen nicht von einem einzelnen Erzähler, sondern von Tausenden.

Deshalb konnte in der malikitischen Schule in bestimmten Fällen die überlieferte Praxis Medinas schwerer wiegen als ein einzelner, von nur wenigen Personen überlieferter Hadith. Das bedeutet nicht, dass die Malikiten den Hadith geringschätzen – im Gegenteil: Sie verstanden die Praxis Medinas als die sichtbarste Form der Sunna. Andere Gelehrte, darunter Imam asch-Schafi'i, sahen das anders und haben darüber respektvoll mit den Malikiten diskutiert. Solche Diskussionen sind kein Streit, sondern Teil des reichen Erbes dieser Umma.

Die Ziele der Scharia

Die malikitische Schule hat besonders viel darüber nachgedacht, wozu die Gebote Allahs da sind. Der andalusische Gelehrte asch-Schatibi (Abu Ishaq) entfaltete in seinem Werk al-Muwafaqat die Lehre von den Maqasid asch-Schari'a, den Zielen der Scharia: der Schutz der Religion, des Lebens, des Verstandes, der Nachkommenschaft und des Eigentums. Diese Gedanken prägen bis heute das Nachdenken muslimischer Gelehrter auf der ganzen Welt, weit über die malikitische Schule hinaus.

Die Schüler und die Weitergabe des Wissens

Ein Lehrer lebt in seinen Schülern weiter. Aus allen Teilen der islamischen Welt kamen Menschen nach Medina, um bei Imam Malik zu lernen, und trugen sein Wissen zurück in ihre Heimat.

  • Abd ar-Rahman ibn al-Qasim aus Ägypten begleitete Imam Malik viele Jahre. Seine Überlieferung der Ansichten seines Lehrers wurde zur wichtigsten Grundlage der späteren Schule.
  • Abdullah ibn Wahb und Aschhab, ebenfalls aus Ägypten, gehörten zu seinen großen Schülern.
  • Asad ibn al-Furat aus Nordafrika lernte bei Malik und später auch bei Schülern Abu Hanifas im Irak.
  • Yahya ibn Yahya al-Laithi brachte das Muwatta' nach Andalusien. Es wird erzählt, dass einmal ein Elefant an Maliks Lehrkreis vorbeizog und alle Schüler hinausliefen, um ihn zu sehen – nur Yahya blieb sitzen. Er sagte, er sei gekommen, um Malik zu sehen, nicht um Elefanten zu sehen. Malik nannte ihn daraufhin den Verständigen Andalusiens.
  • Auch Muhammad ibn Idris asch-Schafi'i, der spätere Begründer einer eigenen Schule, lernte bei ihm und sprach zeitlebens mit großer Liebe von seinem Lehrer.

Die Mudawwana

Eine besondere Geschichte hat das zweite Grundwerk der Schule, die Mudawwana. Asad ibn al-Furat stellte Ibn al-Qasim in Ägypten eine große Zahl von Rechtsfragen und schrieb dessen Antworten nieder. Später reiste Sahnun (Abd as-Salam ibn Sa'id at-Tanuchi) aus Kairouan im heutigen Tunesien zu Ibn al-Qasim, ging diese Fragen mit ihm noch einmal durch, ordnete und ergänzte sie. So entstand al-Mudawwana al-Kubra, die große Sammlung der Rechtsfragen nach der Lehre Imam Maliks. Neben dem Muwatta' wurde sie zum Herzstück der Schule, besonders in Nordafrika und Andalusien.

Große Gelehrte der Schule

Über die Jahrhunderte hat die malikitische Schule eine lange Reihe von Gelehrten hervorgebracht, deren Werke bis heute gelesen werden. Einige von ihnen:

  • Ibn Abi Zaid al-Qairawani aus Kairouan, der wegen seines Ranges „der kleine Malik“ genannt wurde. Seine Risala ist ein kompaktes Lehrbuch, das Glaubensgrundlagen, Gottesdienst, Ethik und Alltagsrecht verbindet. Unzählige Schüler in Afrika und darüber hinaus haben ihren Weg ins Wissen mit diesem Buch begonnen.
  • Ibn Abd al-Barr aus Andalusien, der in at-Tamhid und al-Istidhkar das Muwatta' umfassend erläuterte.
  • Al-Qadi Iyad aus Ceuta, berühmt für asch-Schifa, ein Buch über die Rechte und den Rang des Propheten ﷺ, und für Tartib al-Madarik, eine große Biografiensammlung malikitischer Gelehrter.
  • Ibn Ruschd der Großvater, ein führender Richter und Rechtsgelehrter Córdobas, und sein Enkel Ibn Ruschd, dessen Bidayat al-Mudschtahid die Ansichten der verschiedenen Schulen nebeneinanderstellt und ihre Gründe erklärt – ein Meisterwerk des respektvollen Vergleichs.
  • Abu Bakr ibn al-Arabi aus Sevilla mit seinem Werk über die Rechtsbestimmungen des Quran.
  • Al-Qurtubi, dessen Quran-Kommentar al-Dschami' li-Ahkam al-Qur'an zu den großen Tafsir-Werken gehört. Wer bei Quran Masterclass Vers für Vers lernt, begegnet in der Tafsir-Literatur immer wieder seinen Gedanken.
  • Al-Qarafi aus Ägypten mit adh-Dhachira und al-Furuq, in denen er feine Unterscheidungen der Rechtsprinzipien herausarbeitete.
  • Asch-Schatibi aus Granada mit al-Muwafaqat über die Ziele der Scharia.
  • Chalil ibn Ishaq, dessen Muchtasar – eine äußerst dichte Zusammenfassung der Lehrmeinungen der Schule – zum zentralen Lehrtext späterer Jahrhunderte wurde. Zahlreiche Kommentare und Randbemerkungen sind dazu entstanden.
  • In neuerer Zeit Muhammad at-Tahir ibn Aschur aus Tunis, dessen Quran-Kommentar at-Tahrir wa-t-Tanwir und dessen Werk über die Ziele der Scharia weit über Nordafrika hinaus geschätzt werden.

Wo die Schule zuhause ist

Die malikitische Schule breitete sich von Medina zuerst nach Ägypten aus, dann nach Nordafrika und Andalusien. Gelehrtenzentren wie Kairouan, die Zaituna in Tunis und die Qarawiyyin in Fes – im 9. Jahrhundert von Fatima al-Fihri gegründet und eine der ältesten noch bestehenden Lehrstätten der Welt – wurden zu Leuchttürmen malikitischen Wissens.

Heute ist die Schule vor allem verbreitet in:

  • Nordafrika: Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Mauretanien;
  • West- und Zentralafrika: etwa in Senegal, Mali, Niger, Nigeria, Guinea und weiteren Ländern der Sahelzone;
  • Teilen Ägyptens (vor allem Oberägypten) und des Sudan;
  • der Golfregion, wo die malikitische Schule eine lange Tradition hat, auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Über Jahrhunderte hat Andalusien die Schule geprägt: In Córdoba, Sevilla und Granada lehrten malikitische Gelehrte, deren Bücher heute noch studiert werden. Und in Westafrika zeugen die Handschriftenbibliotheken von Timbuktu und Chinguetti davon, mit welcher Hingabe Generationen von Gelehrten das Wissen bewahrt, abgeschrieben und weitergegeben haben – oft in Zelten und Lehmhäusern, unter dem Sternenhimmel der Wüste.

Ein Erbe in den Emiraten und am Golf

Wenn du in den Emiraten lebst, ist dir die malikitische Schule vielleicht näher, als du denkst. Viele Familien am Golf haben ihre Religion über Generationen nach dieser Schule gelernt: wie man die Waschung vollzieht, wie man betet, wie man fastet. Die Großeltern, die einem Kind das Gebet beibrachten, gaben oft genau dieses Erbe weiter, ohne den Namen der Schule groß zu erwähnen. Es war einfach „unser Gebet“.

Zugleich ist das Land ein Ort, an dem Menschen aus aller Welt leben, die anderen Schulen folgen. Hier zeigt sich etwas, das ganz im Geist Imam Maliks liegt: die eigene Tradition zu lieben und zugleich die anderen zu achten. Erinnere dich daran, wie er den Kalifen bat, nicht allen Menschen sein Buch aufzuzwingen. Diese Haltung – Wasatiyya, Mäßigung und Ausgewogenheit – passt zu der Gemeinschaft, die Allah im Quran beschreibt: „So haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht“ 2:143.

Was dir im Alltag auffallen kann

Wer zum ersten Mal Malikiten beten sieht, bemerkt manchmal kleine Unterschiede. Sie sind kein Grund zur Verwunderung oder gar zur Trennung, sondern das Ergebnis sorgfältiger Gelehrsamkeit, die auf Überlieferungen und der Praxis Medinas beruht.

  • Die Arme im Stehen: Viele Malikiten, besonders in Nord- und Westafrika, lassen die Arme im Gebet locker an den Seiten herabhängen (Sadl). Andere legen die Hände übereinander. Beides wird innerhalb der Schule diskutiert und hat seine Begründung.
  • Die Basmala: In den Pflichtgebeten wird nach der traditionellen malikitischen Lehre vor der Fatiha keine Basmala gesprochen, weil man sich dabei an der Praxis Medinas orientiert.
  • Der Friedensgruß: Wer allein betet oder vorbetet, beendet das Gebet traditionell mit einem einzigen Friedensgruß, mit einer leichten Wendung nach rechts.
  • Das Bittgebet im Morgengebet: Das Qunut im Morgengebet wird in der Schule als empfohlen angesehen und leise gesprochen.

Solche Einzelheiten zeigen, wie genau die Gelehrten hingeschaut haben. Wenn du hinter einem Imam einer anderen Schule betest oder ein Malikit neben dir anders steht als du, dann denk daran: Alle suchen dieselbe Sunna, alle wenden sich derselben Kaaba zu.

Der Beitrag zur islamischen Zivilisation

Die malikitische Schule hat weit mehr hervorgebracht als Rechtsbücher. Sie prägte das Gerichtswesen ganzer Reiche, die Verwaltung von Märkten und Stiftungen (Awqaf), die Gelehrsamkeit von Andalusien bis Timbuktu. Ihr Blick auf das Gemeinwohl und die örtlichen Gewohnheiten machte sie anpassungsfähig, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Ihre Arbeit über die Ziele der Scharia ist heute eine Grundlage für Gelehrte, die sich mit neuen Fragen beschäftigen – von der Medizin bis zur Wirtschaft.

Und vielleicht ihr schönstes Geschenk: die Verbindung von Wissen und Benehmen. Die Mutter, die ihren Sohn zu Rabi'a schickte, damit er zuerst Adab lerne; der Imam, der sich vor dem Hadith-Unterricht wusch und parfümierte; der Gelehrte, der „Ich weiß es nicht“ sagte – sie lehren uns, dass Wissen ohne Demut leer bleibt.

Ein Wort zum Schluss

Der Prophet ﷺ sagte: „Wem Allah Gutes will, dem schenkt Er Verständnis in der Religion“ (al-Buchari und Muslim). Imam Malik hat sein ganzes Leben diesem Verständnis gewidmet, in der Stadt, die er so sehr liebte. Die malikitische Schule ist eine der Schulen, die Muslime auf der ganzen Welt als Teil ihres gemeinsamen Erbes anerkennen – neben den Hanafiten, Schafiiten und Hanbaliten und den weiteren Schulen, die die Amman-Botschaft nennt: Dscha'fari, Zaiditen, Ibaditen und Zahiriten.

Ob du selbst Malikit bist oder einer anderen Schule folgst: Wenn du das nächste Mal in den Emiraten, in Fes oder in Dakar einen Imam die Fatiha rezitieren hörst, dann hörst du ein Echo Medinas. Möge Allah Imam Malik und alle Imame reich belohnen, ihnen barmherzig sein und uns zu Menschen machen, die das Wissen mit Liebe suchen und mit Demut tragen.

Häufige Fragen

Wer war Imam Malik?

Malik ibn Anas (möge Allah ihm barmherzig sein) war ein großer Gelehrter Medinas, der dort lebte, lehrte und im Jahr 179 n. H. (795 n. Chr.) starb. Er verfasste das Muwatta' und ist der Namensgeber der malikitischen Rechtsschule.

Was bedeutet „'amal ahl al-Madina“?

Die überlieferte Praxis der Leute Medinas. Weil der Prophet ﷺ dort lebte und die Stadt seine Lebensweise Generation um Generation weitertrug, sah Imam Malik in dieser gemeinsamen Praxis eine besonders starke Form der Überlieferung der Sunna.

Warum beten manche Malikiten mit herabhängenden Armen?

Diese Haltung (Sadl) ist in Teilen der Schule verbreitet und stützt sich auf Berichte aus Medina und auf die Lehre, wie sie in der Mudawwana überliefert ist. Andere Malikiten legen die Hände übereinander. Beides wird innerhalb der Schule mit Gründen vertreten und ist kein Anlass für Streit.

Wo ist die malikitische Schule heute verbreitet?

Vor allem in Nordafrika, in West- und Zentralafrika, in Teilen Ägyptens und des Sudan sowie in der Golfregion, wo sie eine lange Tradition hat, auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Historisch prägte sie auch Andalusien.

Mit welchem Buch fange ich an, wenn ich die Schule kennenlernen möchte?

Viele beginnen mit kurzen Lehrtexten und später mit der Risala von Ibn Abi Zaid al-Qairawani. Am besten lernst du sie mit einem qualifizierten Lehrer, der dir die Texte erklärt und dich begleitet.

Quellen

  • Quran 2:143
  • Malik ibn Anas: al-Muwatta' (Überlieferung von Yahya ibn Yahya al-Laithi)
  • Sahnun: al-Mudawwana al-Kubra
  • Sahih al-Buchari und Sahih Muslim: „Wem Allah Gutes will, dem schenkt Er Verständnis in der Religion“
  • Sunan at-Tirmidhi: Hadith über den Gelehrten von Medina
  • Ibn Abi Zaid al-Qairawani: ar-Risala; Chalil ibn Ishaq: al-Muchtasar
  • Al-Qadi Iyad: Tartib al-Madarik; Ibn Abd al-Barr: at-Tamhid und al-Istidhkar
  • Asch-Schatibi: al-Muwafaqat; Ibn Ruschd: Bidayat al-Mudschtahid
  • Die Amman-Botschaft (2004/2005)

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