Islam verstehen

Kapitel 28Die Schule der Leute der Aufrichtigkeit

Die ibaditische Rechtsschule

Die ibaditische Schule ist eine der ältesten Rechtsschulen des Islam. Ihre Wurzeln liegen im Basra des ersten Jahrhunderts nach der Hidschra, bei dem großen Gelehrten Dschabir ibn Zaid, einem Schüler von Ibn Abbas und Aischa. Heute ist Oman ihre wichtigste Heimat, ein Land, das für seine Toleranz und sein friedliches Miteinander bekannt ist. Kleinere Gemeinschaften leben bis heute in Nordafrika.

9 Min. Lesezeit

Dschabir ibn Zaid
Schüler von Ibn Abbas und Aischa, nach ibaditischer Sicht der eigentliche Begründer
Oman
heute die wichtigste Heimat der Ibaditen
Mzab, Dscherba, Nafusa
ibaditische Gemeinschaften in Algerien, Tunesien und Libyen
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Rechtsschulen in der Amman-Botschaft – die ibaditische ist eine davon

Ein Gelehrter aus Oman in Basra

Unsere Geschichte beginnt mit einem Mann aus Oman, der in Basra lebte und lehrte: Dschabir ibn Zaid al-Azdi, mit Beinamen Abu asch-Scha'tha', möge Allah ihm barmherzig sein. Er gehörte zur Generation der Tabi'un, der Nachfolger der Gefährten, und lernte bei einigen der größten Gelehrten unter den Gefährten, vor allem bei Abdullah ibn Abbas und bei der Mutter der Gläubigen Aischa, möge Allah mit ihnen zufrieden sein.

Dschabir war nicht nur bei den Ibaditen angesehen. Auch sunnitische Hadith-Gelehrte überliefern von ihm, und sein Name erscheint in den bekannten sunnitischen Hadith-Sammlungen, darunter im Sahih von al-Buchari. In den Biografiewerken wird berichtet, dass Ibn Abbas sein Wissen sehr hoch schätzte. Für die Ibaditen ist er der eigentliche Begründer ihrer Schule, ihr erster großer Imam des Wissens.

Woher der Name kommt

Der Name „Ibaditen“ geht auf Abdullah ibn Ibad zurück, einen Mann aus Basra aus der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach der Hidschra. Er war vor allem durch seine öffentlichen Stellungnahmen bekannt, weniger als Rechtsgelehrter. Es ist bemerkenswert, dass die Ibaditen selbst den Namen lange gar nicht als ihren eigenen gebrauchten. Sie nannten sich lieber Ahl al-Haqq wa-l-Istiqama – „die Leute der Wahrheit und der Aufrichtigkeit“ – oder einfach Ahl ad-Da'wa. Der Name „Ibaditen“ setzte sich vor allem durch, weil andere sie so bezeichneten, und wurde später auch von ihnen selbst übernommen.

Nach Dschabir führte Abu Ubaida Muslim ibn Abi Karima die Gemeinschaft in Basra. Er unterrichtete im Verborgenen, weil die Zeiten unruhig waren, und bildete Schüler aus, die man die Träger des Wissens (Hamalat al-'Ilm) nannte. Sie zogen in verschiedene Regionen, nach Oman und in den Maghreb, und trugen das Gelernte dorthin. Einer seiner bedeutendsten Schüler war ar-Rabi' ibn Habib al-Farahidi aus Oman, auf den die wichtigste ibaditische Hadith-Sammlung zurückgeht.

Ibaditen und Charidschiten – eine wichtige Unterscheidung

In manchen älteren Büchern anderer Richtungen werden die Ibaditen zu den Charidschiten gezählt, jener Gruppe, die sich nach der Schlichtung von Siffin von Ali ibn Abi Talib trennte und von der später extreme Gruppen Gewalt gegen andere Muslime verübten. Die Ibaditen selbst lehnen diese Einordnung entschieden ab, und es ist eine Frage der Fairness, ihre eigene Sicht zu kennen.

Ihre Gelehrten verweisen auf grundlegende Unterschiede:

  • Keine Gewalt gegen Muslime: Die Ibaditen haben sich schon früh deutlich von den extremen Gruppen ihrer Zeit getrennt, die andere Muslime für Götzendiener erklärten und ihr Blut für erlaubt hielten. Die Ibaditen verwarfen das ausdrücklich.
  • Andere Muslime sind Muslime: Wer die Gebetsrichtung mit ihnen teilt, gehört nach ibaditischer Lehre zu den Ahl al-Qibla, den Leuten der Qibla. Ehe, Erbschaft und gemeinsames Gebet mit ihnen sind erlaubt.
  • Sünde ist nicht Abfall vom Glauben: Wenn ibaditische Texte schwere Sünden als „Kufr“ bezeichnen, meinen sie damit Kufr Ni'ma, Undankbarkeit gegenüber Allahs Gaben, nicht den Unglauben, der aus dem Islam hinausführt.

Viele Historiker, auch außerhalb der ibaditischen Tradition, beschreiben die Ibaditen deshalb als eigene Schule mit einer gemäßigten Haltung. Für uns gilt die Regel eines guten Lehrers: Eine Gemeinschaft sollte vor allem so beschrieben werden, wie sie sich selbst versteht.

Die Methode: Quellen und Rechtsfindung

Die ibaditische Rechtstheorie wird Sunniten sehr vertraut vorkommen. Sie stützt sich auf:

  1. Den Quran, das Wort Allahs.
  2. Die Sunna des Propheten ﷺ. Besonders geschätzt wird die Sammlung von ar-Rabi' ibn Habib, bekannt als al-Dschami' as-Sahih oder Musnad ar-Rabi'. Sie wurde später von dem Gelehrten Abu Ya'qub al-Wardschlani neu geordnet. Ibaditische Gelehrte ziehen aber auch Hadithe aus anderen Sammlungen heran.
  3. Den Konsens (Idschma') der Gelehrten.
  4. Den Analogieschluss (Qiyas) und das abwägende Urteil (Ra'y), einschließlich Methoden wie der Rücksicht auf das Gemeinwohl.

Die Ibaditen legen großen Wert auf die frühe Überlieferung über die Gefährten, besonders über Ibn Abbas und Aischa, von denen Dschabir sein Wissen hatte. Der Idschtihad ist bei ihnen nie zum Stillstand gekommen, und ihre Gelehrten haben über die Jahrhunderte umfangreiche Werke verfasst, in denen sie Fragen aus allen Bereichen des Lebens behandeln.

In der Glaubenslehre haben die Ibaditen eigene Positionen, die in manchen Fragen der rationalen Theologie nahestehen, etwa bei der Betonung, dass Allah keinem Geschöpf gleicht. Wie bei allen Schulen gilt: Diese Fragen wurden von ernsthaften Gelehrten mit großer Sorgfalt diskutiert.

Oman: die Heimat der Ibaditen

Der Islam kam schon zur Zeit des Propheten ﷺ nach Oman, und die Omanis nahmen ihn nach der Überlieferung friedlich an. Durch die Schüler von Dschabir und Abu Ubaida wurde die ibaditische Schule dort heimisch. Über viele Jahrhunderte hat Oman eine reiche Gelehrtentradition hervorgebracht, mit Zentren wie Nizwa, das als Stadt des Wissens bekannt ist.

Heute leben die meisten Ibaditen der Welt in Oman, und die ibaditische Tradition prägt dort Kultur und Gelehrsamkeit. Neben ihnen leben im Land viele Sunniten und Schiiten. Oman ist in der ganzen islamischen Welt für seine Kultur der Toleranz bekannt: In vielen Moscheen beten Muslime verschiedener Schulen Seite an Seite, und das ruhige, respektvolle Miteinander gilt vielen als Vorbild. Auch nichtmuslimische Gemeinschaften haben dort ihre Gotteshäuser.

Über Oman gelangten Ibaditen auch an die Küste Ostafrikas, besonders nach Sansibar, wo es lange ibaditische Gemeinschaften gab.

Nordafrika: Mzab, Dscherba und Nafusa

Im Maghreb verbreitete sich die ibaditische Schule früh, vor allem unter den berberischen (amazighischen) Völkern. Im 2. Jahrhundert nach der Hidschra (8. Jahrhundert n. Chr.) entstand in Tahert im heutigen Algerien das Imamat der Rustamiden, ein Staat, der in der Geschichtsschreibung für sein reges Geistesleben und das Nebeneinander verschiedener Gruppen bekannt ist.

Bis heute leben ibaditische Gemeinschaften an drei bekannten Orten:

  • Das Mzab-Tal in Algerien: In der Wüste am Rand der Sahara bauten die Ibaditen eine Gruppe von befestigten Städten, darunter Ghardaia und Beni Isguen. Ihre schlichte, harmonische Architektur ist berühmt, und das Mzab-Tal gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Traditionell spielt dort ein Rat von Gelehrten, die Halqat al-'Azzaba, eine wichtige Rolle im religiösen und sozialen Leben.
  • Die Insel Dscherba in Tunesien: Hier gibt es alte ibaditische Moscheen und eine lange Tradition des Lernens.
  • Das Nafusa-Gebirge in Libyen: ein Bergland, in dem ibaditische Gemeinschaften seit vielen Jahrhunderten leben.

Diese Gemeinschaften sind oft für ihre Ehrlichkeit im Handel, ihren Gemeinschaftssinn und ihre sorgfältige Bewahrung von Handschriften bekannt.

Die Kette des Wissens

Wenn Ibaditen von der Herkunft ihres Wissens sprechen, zeichnen sie eine Kette nach, die du dir leicht merken kannst:

  1. Der Prophet ﷺ lehrte seine Gefährten.
  2. Abdullah ibn Abbas und Aischa, möge Allah mit ihnen zufrieden sein, gehörten zu den gelehrtesten unter ihnen. Ibn Abbas wird oft als „Gelehrter der Umma“ und Ausleger des Quran bezeichnet, und Aischa war eine der wichtigsten Quellen für das Leben des Propheten ﷺ in seinem Haus.
  3. Dschabir ibn Zaid lernte bei ihnen in der Generation der Nachfolger.
  4. Abu Ubaida Muslim ibn Abi Karima übernahm sein Wissen und gab es in Basra weiter.
  5. Die Träger des Wissens brachten es nach Oman und in den Maghreb, wo es bis heute gelehrt wird.

Diese Kette ist den Ibaditen sehr wichtig. Sie zeigt, dass sie ihre Schule nicht als spätere Neuerung verstehen, sondern als Bewahrung des Wissens der ersten Generationen. Ein sunnitischer Leser wird hier vieles wiedererkennen: Ibn Abbas und Aischa sind auch in seiner eigenen Tradition Säulen des Wissens.

Bedeutende Gelehrte und Werke

Einige Namen, die du kennen solltest:

  • Dschabir ibn Zaid, der Begründer, dessen Rechtsauffassungen in späteren Werken gesammelt wurden.
  • ar-Rabi' ibn Habib, auf den die wichtigste ibaditische Hadith-Sammlung zurückgeht.
  • Abu Ya'qub al-Wardschlani aus dem Maghreb, der diese Sammlung neu ordnete und über Rechtstheorie schrieb.
  • Die großen omanischen Rechtsenzyklopädien wie Bayan asch-Schar' und al-Musannaf, beide von Gelehrten aus der Familie al-Kindi.
  • Kitab an-Nil von Abd al-Aziz ath-Thamini, ein bekanntes Rechtsbuch aus dem Mzab.
  • Muhammad ibn Yusuf Atfayyisch, genannt Qutb al-A'imma, aus dem Mzab (gest. 1332 n. H. / 1914 n. Chr.), ein ungewöhnlich fruchtbarer Gelehrter, der unter anderem einen Kommentar zu Kitab an-Nil und eine Quran-Auslegung verfasste.
  • Nur ad-Din as-Salimi aus Oman (gest. 1332 n. H. / 1914 n. Chr.), Verfasser einer bekannten Geschichte Omans, Tuhfat al-A'yan, eines Kommentars zum Musnad ar-Rabi' und vieler Lehrgedichte.

Was einem im Alltag auffällt

Ein Sunnit, der in Oman neben einem Ibaditen betet, wird vor allem eines bemerken: Der Ibadit hält die Hände beim Stehen im Gebet seitlich herab, statt sie vor der Brust oder dem Bauch zu falten. Das kennen viele auch von den Malikiten. Es ist ein sichtbares Zeichen für eine andere Überlieferung, nicht für einen anderen Glauben.

Darüber hinaus gibt es kleinere Unterschiede in Einzelheiten des Gebets und der Rechtspraxis, wie es sie zwischen allen Schulen gibt. Das Gebet selbst – die Waschung, die Ausrichtung zur Kaaba, die Rezitation der Fatiha, Verbeugung und Niederwerfung – ist dasselbe. In Oman beten Ibaditen und Sunniten oft in derselben Reihe, und niemand findet daran etwas Besonderes.

Ein Beitrag zur islamischen Zivilisation

Die Ibaditen haben der islamischen Welt viel geschenkt: eine der frühesten Überlieferungslinien des Wissens, die bis zu Ibn Abbas und Aischa zurückreicht; eine große Rechtsliteratur; die einzigartige Baukunst des Mzab; und in Oman ein gelebtes Beispiel dafür, wie Menschen verschiedener Schulen in Frieden zusammenleben können. Auch der Seehandel Omans, der Arabien mit Ostafrika und Asien verband, trug den Islam und seine Werte in ferne Länder.

Anerkennung und Einheit

Die Amman-Botschaft (2004, bestätigt 2005) nennt die ibaditische Schule ausdrücklich unter den acht anerkannten Rechtsschulen des Islam und verbietet, ihre Anhänger zu Ungläubigen zu erklären. Ibaditische Gelehrte aus Oman haben an vielen Konferenzen zur Annäherung der Schulen teilgenommen und betonen immer wieder das Gemeinsame.

Wie man eine Schule fair kennenlernt

Über kleinere Gemeinschaften wird oft mehr geredet als mit ihnen. Darum ein paar Gedanken, die für jede Schule gelten, ganz besonders aber für die ibaditische:

  • Lies, was sie selbst schreiben. Die Werke ibaditischer Gelehrter sind heute gedruckt und vielfach zugänglich. Sie sagen dir mehr über diese Schule als die Urteile ihrer historischen Gegner.
  • Unterscheide zwischen Geschichte und Gegenwart. Ereignisse aus dem ersten Jahrhundert der Hidschra erklären die Entstehung einer Schule, aber sie beschreiben nicht die Menschen, die heute neben dir beten.
  • Frage Gelehrte, nicht Gerüchte. Wer etwas über eine Schule wissen möchte, fragt am besten jemanden, der sie gründlich studiert hat.

Das ist die Haltung, die die Amman-Botschaft von allen Muslimen erbittet, und es ist auch die Haltung, die wir bei Quran Masterclass leben möchten.

Zum Abschluss

Die ibaditische Schule ist klein an Zahl, aber reich an Geschichte. Sie erinnert uns daran, dass die Umma vielfältiger ist, als man oft denkt, und dass die Vielfalt der Schulen kein Grund zur Trennung sein muss. Wer einmal in Nizwa oder Ghardaia war, weiß, wie viel Ruhe, Würde und Gastfreundschaft man dort findet.

Und wer einmal erlebt hat, wie in einer omanischen Moschee Menschen mit gefalteten und mit herabhängenden Händen in derselben Reihe stehen, hinter demselben Imam, mit demselben Quran auf den Lippen, der versteht: Unsere Unterschiede sind klein, verglichen mit dem, was uns verbindet.

Allah sagt: „Die Gläubigen sind doch Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren beiden Brüdern“ Sure 49:10. Die Omanis haben aus diesem Vers eine Lebensweise gemacht. Vielleicht ist das die schönste Lektion, die wir von ihnen lernen können.

Häufige Fragen

Sind die Ibaditen Charidschiten?

Die Ibaditen selbst lehnen diese Einordnung ab. Sie haben sich schon früh von den extremen Gruppen getrennt, die andere Muslime für Ungläubige erklärten und Gewalt gegen sie für erlaubt hielten. Andere Muslime gelten bei ihnen als Muslime, mit denen Ehe, Erbschaft und gemeinsames Gebet erlaubt sind.

Wer hat die ibaditische Schule begründet?

Nach ibaditischer Sicht Dschabir ibn Zaid, ein Gelehrter aus Oman, der in Basra lebte und bei Ibn Abbas und Aischa lernte. Der Name geht auf Abdullah ibn Ibad zurück, der in Basra bekannt war.

Warum beten Ibaditen mit herabhängenden Händen?

Weil sie sich auf Überlieferungen stützen, nach denen die Hände im Stehen seitlich gehalten werden. Dieselbe Praxis kennen viele Malikiten. Es ist eine Frage der Rechtsauslegung, nicht des Glaubens.

Wo leben Ibaditen heute?

Vor allem in Oman. Dazu kommen Gemeinschaften im Mzab-Tal in Algerien, auf der Insel Dscherba in Tunesien und im Nafusa-Gebirge in Libyen, und historisch auch an der Küste Ostafrikas.

Wird die ibaditische Schule von anderen Muslimen anerkannt?

Ja. Die Amman-Botschaft (2004/2005) nennt sie ausdrücklich unter den acht anerkannten Rechtsschulen und verbietet, ihre Anhänger zu Ungläubigen zu erklären.

Quellen

  • Quran 49:10
  • ar-Rabi' ibn Habib: al-Dschami' as-Sahih (Musnad ar-Rabi'), geordnet von Abu Ya'qub al-Wardschlani
  • Sahih al-Buchari: Überlieferungen von Dschabir ibn Zaid (Abu asch-Scha'tha')
  • Bayan asch-Schar' und al-Musannaf (omanische Rechtsenzyklopädien)
  • Abd al-Aziz ath-Thamini: Kitab an-Nil; Atfayyisch: Scharh Kitab an-Nil
  • Nur ad-Din as-Salimi: Tuhfat al-A'yan bi-Sirat Ahl Uman
  • Die Amman-Botschaft (2004) und die Beschlüsse der Internationalen Islamischen Konferenz in Amman (2005)

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