Islam verstehen

Kapitel 20Schönheit, die auf Allah verweist

Islamische Kunst und Kalligrafie

Wer eine Moschee in Isfahan, die Alhambra oder die Scheich-Zayed-Moschee betritt, spürt es sofort: Hier spricht Schönheit eine eigene Sprache. Sie zeigt keine Gesichter, sondern Muster ohne Ende, rankende Blüten und vor allem Schrift – das Wort Allahs, kunstvoll geschrieben. In diesem Kapitel erfährst du, woher diese Kunst kommt, wie man die großen Schriftarten unterscheidet, was Muqarnas und Maschrabiyya sind und wie die Emirate diese Tradition heute weiterschreiben – bis hinein in das Design dieser Seiten.

14 Min. Lesezeit

96:4
„der durch das Schreibrohr gelehrt hat“
6
klassische Schriften, die „sechs Federn“
72 n. H.
Vollendung des Felsendoms in Jerusalem (691/692)
2017
Eröffnung des Louvre Abu Dhabi mit seinem „Lichtregen“

Warum Ornament?

Der Prophet ﷺ sagte: „Allah ist schön, und Er liebt die Schönheit“ (Muslim). Und der Koran beschreibt Allah als Den, „der alles, was Er erschaffen hat, aufs Beste gemacht hat“ 32:7; in Seiner Schöpfung „siehst du keine Unstimmigkeit“ 67:3. Islamische Kunst ist der Versuch, auf diese Schönheit und Ordnung hinzuweisen – nicht durch ein Abbild Gottes, das es nicht geben kann, sondern durch Muster, Licht und Schrift.

In Moscheen und im Mushaf verzichten Muslime seit jeher auf Bilder von Menschen und Tieren. Grundlage dafür sind Überlieferungen des Propheten ﷺ, die das Herstellen von Bildern lebender Wesen kritisch sehen (al-Bukhari, Muslim). Wie weit dieses Verbot außerhalb des Gebetsraums reicht, haben die Gelehrten unterschiedlich beurteilt, und in der persischen, osmanischen und indischen Buchmalerei gibt es durchaus Darstellungen von Menschen. Für die heiligen Räume aber hat sich ein eigener Weg entwickelt: Der Blick soll nicht an einer Figur hängen bleiben, sondern weitergehen – vom Muster zur Ordnung, von der Ordnung zum Schöpfer.

Drei Elemente prägen diese Kunst fast überall, von Andalusien bis Indonesien: Geometrie, pflanzliches Ornament (die Arabeske) und Kalligrafie.

Geometrie – die Ordnung der Schöpfung

Am Anfang jedes geometrischen Musters steht ein Kreis. Mit Zirkel und Lineal teilt der Handwerker ihn in sechs, acht, zehn oder zwölf Teile, verbindet die Punkte und lässt Sterne entstehen, die sich zu Bändern und Flächen verflechten. Ein solches Muster hat keinen Rand, der es abschließt: Man könnte es in jede Richtung unendlich fortsetzen. Viele Betrachter empfinden darin ein Bild für die Unendlichkeit Allahs und für die Einheit in der Vielfalt – unzählige Formen, alle aus einem einzigen Kreis.

Diese Kunst verband Handwerk und Wissenschaft. Dem Mathematiker Abu l-Wafa' al-Buzdschani (10. Jahrhundert) wird eine Schrift über die geometrischen Konstruktionen zugeschrieben, die Handwerker brauchen. In Persien nennt man die verflochtenen Sternmuster Girih, „Knoten“; in Marokko werden sie aus unzähligen kleinen, von Hand geschnittenen Kachelstücken gelegt, dem Zellige. Ob in Holz, Stuck, Stein, Ziegel oder Fliesen: Die Sprache der Geometrie wurde überall verstanden.

Die Arabeske – ein Garten ohne Ende

Das zweite Element ist das pflanzliche Ornament, im Westen „Arabeske“ genannt. Ranken winden sich, verzweigen sich, bringen Blätter und Blüten hervor und kehren in sich selbst zurück – ein Garten, der nie aufhört zu wachsen. Viele sehen darin eine Erinnerung an die Gärten des Paradieses, die der Koran mit ihren Flüssen beschreibt 47:15. Auch die Gartenkunst selbst folgt diesem Bild: Der persische Garten, durch Wasserläufe in vier Teile gegliedert, wurde von Iran bis Indien zum Vorbild.

Mit der Zeit wurden die Blüten lebendiger. Auf den osmanischen Fliesen aus Iznik blühen Tulpen, Nelken und Hyazinthen, und in der Scheich-Zayed-Moschee in Abu Dhabi ranken sich Blumen aus Halbedelsteinen durch den weißen Marmor.

Kalligrafie – die Kunst der Schrift

Die vornehmste Kunst des Islam ist die Schrift. Die ersten offenbarten Worte des Korans sprechen vom Lesen und vom Schreibrohr: „Lies, und dein Herr ist der Edelste, der durch das Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste“ 96:3–5. Eine Sure beginnt mit einem Schwur: „Nun. Beim Schreibrohr und bei dem, was sie schreiben“ 68:1. Weil der Koran das Wort Allahs ist, wurde es für Muslime zu einer Form der Andacht, ihn schön zu schreiben.

Das Werkzeug des Kalligrafen ist der Qalam, ein Schreibrohr aus Schilf, dessen Spitze schräg zugeschnitten wird. Die Tinte wurde traditionell aus Ruß gewonnen, das Papier geglättet und poliert, damit die Feder darüber gleitet. Im 10. Jahrhundert schuf der Wesir und Kalligraf Ibn Muqla ein System der Proportionen: Die Höhe des Alif und die Größe jedes Buchstabens werden in rhombischen Punkten gemessen, die die Feder setzt. Ibn al-Bawwab verfeinerte diese Kunst im frühen 11. Jahrhundert, und Yaqut al-Musta'simi in Bagdad prägte im 13. Jahrhundert die „sechs Federn“ (al-Aqlam as-Sitta): Thuluth, Naskh, Muhaqqaq, Raihan, Tauqi' und Riqa'. Bis heute lernt man Kalligrafie bei einem Meister und erhält am Ende eine Idschaza, eine Erlaubnis, die einen in eine Kette von Lehrern stellt, die Jahrhunderte zurückreicht.

Die wichtigsten Schriften im Überblick:

Kufi

Die älteste große Schrift ist nach der Stadt Kufa im Irak benannt: kantig, ruhig, mit langen waagrechten Linien. Die frühen Koranhandschriften auf Pergament im Querformat sind in Kufi geschrieben, ebenso die Inschriften im Felsendom. Später entstanden blühendes Kufi mit Blättern an den Buchstaben und das quadratische Kufi, das wie ein Labyrinth aus Ziegeln in Mauern und Kuppeln eingesetzt wird.

Naskh

Naskh ist rund, klar und gut lesbar – die Schrift, in der die meisten Koranausgaben geschrieben und gedruckt sind. Der Mushaf, den Millionen Menschen in der Hand halten, die Ausgabe des König-Fahd-Komplexes in Medina, wurde von dem syrischen Kalligrafen Uthman Taha in Naskh geschrieben. Wenn du bei uns den Koran liest, begegnest du dieser Tradition auf jeder Seite.

Thuluth

Thuluth ist die majestätische Schrift für große Flächen: für Überschriften, Kuppeln, Portale und für die Inschriften auf dem Tuch der Kaaba, der Kiswa, die mit Gold- und Silberfäden gestickt werden. Ihre Buchstaben schwingen in hohen Bögen und verschränken sich zu dichten Kompositionen. Viele Kalligrafen halten sie für die schwierigste und schönste aller Schriften.

Diwani

Diwani entstand in der Kanzlei der Osmanen, dem Diwan. Die Buchstaben fließen eng ineinander und neigen sich, wodurch die Schrift elegant und schwer zu fälschen war – ideal für Urkunden und Erlasse der Sultane. In ihrer dichten Form, dem Dschali Diwani, füllen die Wörter Flächen wie ein Ornament.

Ruq'a

Ruq'a ist die einfache, schnelle Schrift des Alltags, in osmanischer Zeit vereinheitlicht. Mit ihren kurzen, geraden Zügen ist sie bis heute die Handschrift vieler Menschen in der arabischen Welt – auf Notizzetteln, Tafeln und Ladenschildern.

Nasta'liq

Nasta'liq entstand im 14. und 15. Jahrhundert in Iran; die Überlieferung nennt Mir Ali Tabrizi als ihren Schöpfer. Die Wörter scheinen von rechts oben nach links unten zu „hängen“ und zu schweben. Man nennt sie die „Braut der Schriften“. Sie wurde zur Schrift der persischen und der Urdu-Dichtung, von Hafis bis Iqbal.

Maghribi

In Nordafrika und al-Andalus entwickelte sich die Maghribi-Schrift mit runden, tiefen Bögen unter der Zeile. Eine Besonderheit kann man sich leicht merken: Das Fa' trägt seinen Punkt unten, das Qaf einen einzigen Punkt oben. Bis heute schreiben Koranlehrer in Marokko und Westafrika in Varianten dieser Schrift.

Weitere Formen

Kalligrafen spielten mit der Schrift: Sie schrieben Sätze spiegelbildlich, formten aus Wörtern Vögel, Schiffe oder Moscheen und schufen die Tughra, das kunstvolle Namenszeichen der osmanischen Sultane. Eine schöne osmanische Tradition ist die Hilye, eine Tafel mit der Beschreibung des Aussehens und Wesens des Propheten ﷺ, deren klassische Form der Kalligraf Hafiz Osman im 17. Jahrhundert prägte.

Tadhhib – das Gold des Mushaf

Zur Schrift gesellt sich die Illumination, auf Arabisch Tadhhib, „Vergoldung“. Mit Blattgold und tiefem Blau aus Lapislazuli schmückten Künstler die Koranhandschriften:

  • Doppelseitige Eröffnungen rahmen oft die Sure al-Fatiha und den Beginn der Sure al-Baqara mit leuchtenden Ornamentfeldern.
  • Surenüberschriften stehen in Kartuschen, die den Namen der Sure und die Zahl ihrer Verse nennen.
  • Versmarken, kleine goldene Rosetten, trennen die Verse voneinander.
  • Randmedaillons zeigen an, wo ein Dschuz', ein Hizb oder eine Niederwerfung beginnt.
  • Einbände aus Leder wurden geprägt, vergoldet und mit einer Klappe versehen, die das Buch schützt.

Berühmt sind die großen Korane der Mamluken in Kairo und der Ilchane in Iran, und die osmanischen Mushafe, deren Stil viele heutige Ausgaben prägt. Der Mushaf wurde so zum kostbarsten Buch einer ganzen Kultur.

Architektur – Räume des Gebets

Eine Moschee braucht eigentlich nur eine reine Fläche und eine Richtung. Der Prophet ﷺ baute seine Moschee in Medina aus Lehmziegeln und Palmstämmen. Doch aus diesen einfachen Anfängen wuchs eine Baukunst von großem Reichtum. Ihre wichtigsten Elemente:

  • Mihrab: die Nische in der Wand, die die Gebetsrichtung zur Kaaba anzeigt 2:144, oft der am reichsten geschmückte Ort der Moschee.
  • Minbar: die Kanzel mit Stufen, von der die Freitagspredigt gehalten wird.
  • Minarett: der Turm, von dem der Gebetsruf erklingt – quadratisch in Nordafrika, spiralförmig in Samarra, schlank wie ein Bleistift bei den Osmanen, mehrstöckig bei den Mamluken.
  • Kuppel: ein Bild für den Himmel, der sich über den Betenden wölbt.
  • Hof (Sahn) mit Brunnen für die Waschung.
  • Iwan: eine große, zum Hof hin offene Halle, typisch für Iran und Zentralasien.
  • Muqarnas: Gewölbe aus unzähligen kleinen Nischen, die wie Waben oder Tropfsteine aussehen. Sie lösen den Übergang von der eckigen Wand zur runden Kuppel in ein Spiel aus Licht und Schatten auf.

Auch das Licht selbst ist ein Baustoff. In mamlukischen Moscheen hingen gläserne Lampen, auf denen der Lichtvers geschrieben stand: „Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis Seines Lichts ist wie eine Nische, in der eine Lampe ist“ 24:35. Mehr über einzelne Bauten erfährst du im Kapitel über die Moscheen der Welt.

Kacheln und Mosaike

In Damaskus und Jerusalem schmückten die Umayyaden ihre Bauten mit Glasmosaiken auf Goldgrund. Später entwickelte jede Region ihre eigene Kachelkunst: das Lüster-Geschirr und die Fliesen aus Kaschan in Iran, das Kachel-Mosaik der Timuriden und Safawiden, bei dem jedes Stück einzeln geschnitten wird, die blau-weißen und roten Fliesen aus Iznik bei den Osmanen und das Zellige in Marokko und Andalusien.

Maschrabiyya und Windtürme

In den heißen Städten der arabischen Welt entstand die Maschrabiyya: ein Erker oder Fenstergitter aus gedrechselten Holzstäben. Sie lässt Luft und gedämpftes Licht herein, schützt vor der Sonne und bewahrt die Privatsphäre der Familie. In Kairo, in der Altstadt von Dschidda, wo man diese Erker Rawaschin nennt, und in Bagdad prägte sie ganze Straßenzüge. Am Golf erfand man eine andere Antwort auf die Hitze: die Windtürme (Barjeel), die kühlere Luft in die Häuser leiten. Im Al-Fahidi-Viertel in Dubai kannst du sie bis heute sehen.

Meisterwerke der Welt

Der Felsendom in Jerusalem

Der Felsendom auf dem edlen Heiligtum wurde unter dem Kalifen Abd al-Malik errichtet und im Jahr 72 nach der Hidschra (691/692) vollendet. Er gilt als ältestes erhaltenes Großbauwerk der islamischen Kunst. Unter seiner Kuppel umgibt ein achteckiger Bau den Felsen; die Mosaike zeigen Pflanzen, Bäume und Juwelen, aber keine Menschen. Die langen Inschriften in Kufi sprechen von der Einheit Allahs und von Isa, dem Sohn Maryams.

Die Umayyaden-Moschee in Damaskus

Anfang des 8. Jahrhunderts ließ der Kalif al-Walid die große Moschee von Damaskus bauen. Ihre Mosaike zeigen Flüsse, Bäume und Paläste in einer friedlichen Landschaft ohne Menschen und Tiere – viele deuten sie als Bild des Paradieses.

Die Mezquita von Córdoba

In Córdoba begann Abd ar-Rahman I. im 8. Jahrhundert eine Moschee, die über zwei Jahrhunderte erweitert wurde. Ihr Wald aus rot-weißen Doppelbögen und der Mihrab des 10. Jahrhunderts mit seinen goldenen Mosaiken gehören zu den berühmtesten Räumen der Welt.

Die Alhambra in Granada

Die Palaststadt der Nasriden entstand vor allem im 13. und 14. Jahrhundert. Zarte Stuckarbeiten, Kachelsockel, Wasserbecken und Muqarnas-Kuppeln wie im Saal der zwei Schwestern machen sie zu einem Gedicht aus Raum und Licht. Auf ihren Wänden stehen Verse von Dichtern wie Ibn Zamrak, und überall wiederholt sich der Wahlspruch der Nasriden: wa la ghaliba illa Allah, „Es gibt keinen Sieger außer Allah“.

Isfahan

Unter Schah Abbas I. wurde der weite Naqsch-e-Dschahan-Platz in Isfahan im frühen 17. Jahrhundert angelegt. Die Imam-Moschee mit ihren blauen Kacheln und die Kuppel der Scheich-Lotfollah-Moschee zählen zu den Höhepunkten der Kachelkunst. Die Freitagsmoschee von Isfahan mit ihren vier Iwanen zeigt, wie sich die persische Moschee über Jahrhunderte entwickelte.

Die osmanischen Moscheen

Der Baumeister Sinan gab der osmanischen Moschee im 16. Jahrhundert ihre klassische Form: eine große Zentralkuppel, umgeben von Halbkuppeln, und schlanke Minarette. In Istanbul schuf er die Süleymaniye (1550–1557), in Edirne die Selimiye, die er selbst als sein Meisterwerk ansah. Die Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul verdankt ihren Beinamen „Blaue Moschee“ ihren Iznik-Fliesen.

Samarkand und das Taj Mahal

In Samarkand bilden drei Medresen mit ihren Kachelfassaden den Registan-Platz. Und in Agra ließ der Mogulkaiser Schah Dschahan ab 1632 das Taj Mahal als Grabmal für seine Frau Mumtaz Mahal errichten. Die Koranverse an seinen Portalen schrieb der Kalligraf Amanat Khan; Blumen aus eingelegten Steinen ranken über den weißen Marmor, und der Garten ist in vier Teile gegliedert.

Vielfalt ohne Grenzen

Islamische Kunst hat sich überall mit der örtlichen Baukunst verbunden: In Djenné in Mali steht die große Moschee aus Lehm, die jedes Jahr gemeinsam neu verputzt wird, und in Xi'an in China gleicht die Große Moschee mit ihren geschwungenen Dächern einem chinesischen Tempelgarten. Der Glaube ist derselbe, die Formen sprechen viele Sprachen.

Die Emirate: Tradition und Zukunft

In den Emiraten wird diese Tradition nicht nur bewahrt, sondern weitergeschrieben.

Die Scheich-Zayed-Moschee

Die Scheich-Zayed-Moschee in Abu Dhabi, eröffnet 2007, vereint Einflüsse aus vielen Teilen der islamischen Welt. Weißer Marmor ist mit Blumen aus Halbedelsteinen eingelegt, goldene Palmwedel krönen die Säulen. Die Kalligrafie ist in drei Schriften gestaltet – Kufi, Naskh und Thuluth – und an der Qibla-Wand stehen die neunundneunzig Namen Allahs in Kufi. Mitgewirkt haben Kalligrafen aus mehreren Ländern, unter ihnen der emiratische Kalligraf Mohammed Mandi Al Tamimi.

Der Louvre Abu Dhabi und der „Lichtregen“

Auf der Insel Saadiyat eröffnete 2017 der Louvre Abu Dhabi, entworfen von dem Architekten Jean Nouvel. Über den Ausstellungsgebäuden schwebt eine flache Kuppel von 180 Metern Durchmesser. Sie besteht aus mehreren übereinanderliegenden Schichten von Sternen in einem geometrischen Muster. Wenn die Sonne hindurchfällt, entsteht darunter ein bewegtes Spiel aus Lichtflecken, der „Lichtregen“ – so wie Licht durch die Wedel der Dattelpalmen einer Oase fällt. Ein uraltes Prinzip der islamischen Kunst, das Gitter, das Licht filtert, wird hier zur Architektur des 21. Jahrhunderts.

Das Museum der Zukunft

Seit 2022 steht an der Sheikh Zayed Road in Dubai das Museum of the Future, ein ringförmiger Bau mit einer Leere in der Mitte. Seine Fassade aus Edelstahl ist ganz mit arabischer Kalligrafie bedeckt, und die Buchstaben selbst sind die Fenster. Die Texte sind Worte von Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum über die Zukunft; die Kalligrafie gestaltete der emiratische Künstler Mattar bin Lahej. Tagsüber fällt das Licht durch die Schrift ins Innere, nachts leuchtet die Schrift nach außen – ein Gebäude, das zugleich ein Buch ist.

Schardscha – Hauptstadt der islamischen Kunst

Schardscha hat sich der islamischen Kultur besonders verschrieben. Das Museum für Islamische Zivilisation, eröffnet 2008, zeigt Koranhandschriften, Kalligrafie, Keramik, Textilien und wissenschaftliche Instrumente. Im Herzen der Altstadt widmet sich ein eigenes Kalligrafie-Museum dieser Kunst. Mit der Schardscha-Biennale für Kalligrafie und dem jährlichen Festival für Islamische Kunst kommen Künstlerinnen und Künstler aus vielen Ländern in das Emirat; mehr über die Stadt erfährst du im Kapitel über die Städte des Islam.

Kalligrafie heute

In den Emiraten und in der ganzen Region arbeiten heute Kalligrafinnen und Kalligrafen, die die klassischen Regeln beherrschen und zugleich neue Wege gehen: Sie schreiben mit Licht, Stahl und Glas, auf Leinwand und auf Hausfassaden, und verbinden Thuluth und Diwani mit moderner Malerei. Arabische Schrift begegnet dir auf Banknoten, Wappen und Logos, an Flughäfen und in Hotels. Die Schrift des Korans ist lebendig geblieben, weil jede Generation sie neu liebt.

Inspiration für diese Seiten

Auch die Gestaltung von Quran Masterclass ist von dieser Kunst inspiriert. Vielleicht ist es dir schon aufgefallen:

  • Die dunklen Flächen tragen ein feines Muster aus achtzackigen, verflochtenen Sternen, wie die geprägten Ledereinbände alter Mushafe.
  • Das Gold, das Überschriften und Zahlen hervorhebt, erinnert an das Tadhhib der Handschriften.
  • Kleine goldene Rosetten und Randmedaillons sind den Versmarken und Hizb-Zeichen im Rand eines Mushaf nachempfunden, und die Surenköpfe stehen in Kartuschen.
  • Über jedem Kapitel zeichnet sich der arabische Titel in Gold, Linie für Linie, wie mit einer Feder geschrieben.
  • Auf der Startseite dreht sich langsam ein Ring aus Koranversen – ein Gruß an das Museum der Zukunft in Dubai.
  • Und während eine Rezitation läuft, dreht sich die Rosette um den Abspielknopf.

Das alles ist nicht bloß Dekoration. Wie in einer Moschee soll die Gestaltung zur Ruhe einladen und den Blick zum Wesentlichen führen: zum Wort Allahs.

Kunst als Gottesdienst

Der Prophet ﷺ sagte: „Allah hat vorgeschrieben, alles auf vollkommene Weise (mit Ihsan) zu tun“ (Muslim). Der Kalligraf, der jahrelang denselben Buchstaben übt, die Handwerkerin, die tausend Kachelstücke legt, der Baumeister, der das Licht in eine Kuppel lenkt – sie alle haben versucht, ihr Werk mit Ihsan zu tun, als sähen sie Allah. Mehr über diesen Gedanken erfährst du im Kapitel Die sechs Säulen des Glaubens.

Wenn du das nächste Mal eine Moschee betrittst, nimm dir einen Moment Zeit: Folge einer Ranke mit den Augen, suche den Kreis, aus dem ein Stern entstanden ist, und lies die Inschrift über dem Mihrab. Du wirst sehen, dass jede Linie auf etwas jenseits ihrer selbst verweist.

Häufige Fragen

Warum gibt es in Moscheen keine Bilder von Menschen?

Weil Überlieferungen des Propheten ﷺ das Herstellen von Bildern lebender Wesen kritisch sehen (al-Bukhari, Muslim) und weil im Gebet nichts zwischen dem Menschen und Allah stehen soll. Darum schmücken Geometrie, Pflanzenornament und Kalligrafie die Moscheen. Wie weit das Verbot außerhalb des Gebetsraums reicht, beurteilen die Gelehrten unterschiedlich.

In welcher Schrift sind die meisten Koranausgaben geschrieben?

In Naskh, einer runden, gut lesbaren Schrift. Der weit verbreitete Mushaf des König-Fahd-Komplexes in Medina wurde von dem syrischen Kalligrafen Uthman Taha in Naskh geschrieben. In Nord- und Westafrika sind auch Ausgaben in Maghribi verbreitet.

Was ist Muqarnas?

Ein Gewölbe aus vielen kleinen, gestaffelten Nischen, das an Waben oder Tropfsteine erinnert. Es verbindet die eckige Wand mit der runden Kuppel und bricht das Licht in unzählige Facetten – berühmte Beispiele finden sich in der Alhambra und in Isfahan.

Was bedeutet der Spruch an den Wänden der Alhambra?

„Wa la ghaliba illa Allah“ heißt „Es gibt keinen Sieger außer Allah“. Es war der Wahlspruch der Nasriden, die die Alhambra erbauten, und erscheint unzählige Male in Stuck und Kacheln.

Kann ich Kalligrafie lernen?

Ja. Am besten lernst du bei einer Lehrerin oder einem Lehrer, mit Schreibrohr und Tinte, und beginnst mit einer einfachen Schrift wie Ruq'a oder Naskh. Der traditionelle Weg endet mit einer Idschaza, einer Erlaubnis des Meisters. Kurse bieten Kulturzentren und Museen an, in den Emiraten etwa in Schardscha.

Was ist der „Lichtregen“ im Louvre Abu Dhabi?

Die Kuppel des Museums besteht aus mehreren Schichten geometrischer Sterne. Wenn die Sonne hindurchscheint, fallen bewegte Lichtflecken auf die Plätze darunter, wie Licht durch die Palmwedel einer Oase. Das Prinzip erinnert an die Maschrabiyya und an die Gitter der islamischen Baukunst.

Quellen

  • Koran 2:144, 24:35, 32:7, 47:15, 67:3, 68:1, 96:1–5
  • Sahih Muslim („Allah ist schön und liebt die Schönheit“; „Allah hat Ihsan in allem vorgeschrieben“)
  • Sahih al-Bukhari und Sahih Muslim (Überlieferungen über das Herstellen von Bildern)
  • Annemarie Schimmel: Calligraphy and Islamic Culture; Oleg Grabar: The Formation of Islamic Art; Sheila S. Blair und Jonathan M. Bloom: The Art and Architecture of Islam 1250–1800
  • UNESCO-Welterbe: Alhambra (Granada), Meidan Emam und Freitagsmoschee (Isfahan), Historische Bereiche von Istanbul, Selimiye-Moschee (Edirne), Taj Mahal (Agra)
  • Sheikh Zayed Grand Mosque Center (Abu Dhabi); Louvre Abu Dhabi; Museum of the Future (Dubai); Sharjah Museums Authority

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